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19.11.2023
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Preisfrage

Warum kann ich mir so sicher sein, daß die rechts abgebildete Aufnahme der östlichen Marktecke maximal im Frühjahr 1932 entstanden sein kann?

Bevor ich Einblicke in meine fotoforensischen Fähigkeiten gebe und damit die Frage beantworte, bleibt mir noch festzuhalten, daß es auch nicht vor 1930 war, als der elegante Herr, ein Krankenwagen des Senftenberger Krankenhauses und die sicher aus diesem Grund versammelten Schaulustigen in der Nische des Hauses Markt 16 fotografisch eingefangen wurden. 1930 markiert nämlich das Jahr, in welchem der Schriftzug Franz Richter - Chemische Reinigung an der Fassade eben erwähnten Hauses platziert wurde.
Also das 1930 als untere Grenze ist gesetzt. Die erste Hälfte des Jahres 1932 als obere Grenze basiert auf... einem Schatten!

Der auf das Pflaster des Marktes geworfene Schatten kann in dieser Länge und dieser Silhouette nur vom dem Vorgänger-Kandelaber des im Sommer 1932 aufgestellten "höchsten Lichtmastes Deutschlands" - im Senftenberger Volksmund "Langer Herrmann" genannt - gewesen sein.

Senftenberg
Aufnahme <= 1932
aus der "Chronik von Senftenberg" von Hans Lange
Vom Aufstellen des 23 Meter hohen - und damit mehr als doppelt so hoch wie das alte Modell - Lichtmastes, verfügen wir über zwei Fotografien. Wer Norbert Jurks Bücher aufmerksam studiert hat, wird sich vieleicht erinnern, daß in seinem 2017er Opus "Senftenberg im Wandel der Zeit" (das hellgrüne...) neben Aufnahmen vom Abriß des Bauwerks (1998) auch zwei sehr kleine und schlechte Reproduktionen der nachfolgenden Fotografien enthalten sind.

Senftenberg
Aufnahme = 29.06.1932
aus der "Chronik von Senftenberg" von Hans Lange
Senftenberg
Aufnahme = 29.06.1932
aus der "Chronik von Senftenberg" von Hans Lange
Für meine Verhältnisse sind die beiden Exemplare zwar immer noch suboptimal und in anderen Fällen wäre das Material bestimmt nicht im digitalen Archiv gelandet sondern hätte maximal als "Beiwerk" Verwendung gefunden, doch aufgrund der zweifellos vorhandenen Signifikanz für die Stadthistorie habe ich mich anders entschieden. Gleichzeitig habe ich keinerlei Hoffnung zukünftig noch qualitativ höherwertige Varianten dieser Aufnahmen aufzutreiben.
Überhaupt ist das Auftauchen auf meiner Türschwelle einem glücklichen Umstand zu verdanken, der mir unlängst eine größere Materialmenge in die gute Stube schwemmte. Hierüber wird ggf. noch einmal zu berichten sein.

Jedenfalls bin ich mir nicht sicher, wieviele Generationen ich vom Originalfilm entfernt bin. Wahrscheinlich handelt es sich nicht um einen Originalabzug jedoch war die Qualität des Ausgangsmaterials möglicherweise von Anfang an nicht berauschend. Man muß nämlich dazu sagen, daß die Uhr am Rathausturm gerade 5:15 in der Frühe zeigt und demzufolge nicht gerade die allerbesten Bedingungen für den Fotografen herrschten. Doch lesen wir, was der Senftenberger Anzeiger anno 1932 zur Neugestaltung des Marktplatzes im Allgemeinen und dem Aufstellen des Lichtmastes im Besonderen schrieb:

Die Neugestaltung des Marktplatzes steht vor ihrer Vollendung. Zu den noch auszuführenden Arbeiten gehört das Aufstellen des Lichtmastes und die Herstellung des Verkehrshäuschens. Die Anfuhr des Mastes am gestrigen Tage hat das Interesse vieler Schaulustiger erregt, mehr noch heute vormittag, als die Vorbereitungen zum Aufstellen getroffen worden. Das wundert nicht weiter, denn die Länge des Mastes, 23 Meter, von Kopf bis Fuß, ringt weit und breit Respekt ab. Er ist aus Eisenbeton im Spritzverfahren hergestellt. Ihn wird, wenn seine stolze Höhe mit dem Apothekengebäude und dem Rathausturm in Konkurrenz tritt, eine kupferne Haube zieren. Diese Haube, die auch zugleich die Tiefstrahllampen aufnimmt, mißt 2,10 Meter im Durchmesser. Morgen früh, womöglich recht beizeiten, um Verkehrsstörungen möglichst aus dem Wege zu gehen, wird der Mastriese aufgerichtet werden. Wenn dann die letzten Spuren der Bauarbeit beseitigt sein werden, wird sich "Senftenbergs Visitenkarte" in neuer Aufmachung repräsentieren.
Fünf Wochen Arbeitszeit, eine Woche weniger als vorgesehen, nahmen die von der Fa. H. Heinze Tiefbaugeschäft, mit bestem Erfolge ausgeführten Arbeiten in Anspruch. 1800 Quadratmeter Unterpflaster, wozu die oft verwünschten Katzenköpfe Verwendung fanden und damit zugleich das historische Pflaster der Nachwelt erhalten geblieben ist, wurden hergestellt. Darüber liegt die gleiche Anzahl Quadratmeter Oberpflaster, Mansfelder Kupferschlacken-Pflastersteine, insgesamt rd. 64 800 Stück. Dies ist wiederum eine respektable Zahl. Wenn man die bei der Marktpflasterung verwendeten Kupferschlackensteine hintereinander anreihen würde, käme der letzte Stein im ZUge der Straße Senftenberg - Buchwalde - Koschen auf dem Dorfplatz in Hosena zu liegen. Oder wenn man nach Art des Bauens der Kleinsten einen Stein auf den anderen setzen würde, erhielte man eine Säule, die den höchsten Berg der Erde, den Gipfle Tschomolungma (8880 Mtr.) des Mont Everest, noch um 1488 Mtr. überragte.

Während des Baues wurden über 1000 Kubikmeter Erdboden bewegt. Den Transport des Bodens und des Materials besorgten der hiesige Fuhrunternehmer Brodack, Busch und Raack, 600 Quadratmeter Platten und 250 lfd. Meter Bordkante wurden zur Herstellung der Bürgersteige verlegt. Das Fundament für den Lichtmast stellt das Baugeschäft H. Elert her. Es muß entsprechend tief in die Erde gebaut werden, da der Fuß des rd. 130 Zentner schweren Mastes 3 Meter unterhalb der Pflasteroberkante liegt. Der stehende Mast kann bei starkem Sturm bis 80 Zentimeter ausschwingen. Das ist aber eine Zahl, die praktisch bei weitem nicht erreicht wird. Die Ausschwingung wird im ungünstigsten Falle nicht über 15 Zentimeter hinausgehen. Sind dann noch das Verkehrshäuschen hergestellt, das neben dem Raume für Brennstoffzapfstellen eine Telefonzelle und einen Abstellraum für den Parkwärter enthält, und die Bäume eingepflanzt, dann ist alles beisammen, um sagen zu können: Senftenberg hat einen schönen Marktplatz!

Senftenberger Anzeiger (28. Juni 1932)

Hoch ragt der Lichtmast auf dem Marktplatz zum Himmel empor. Gestern nachmittag wurden die Vorarbeiten zum Aufrichten des 21 Meter hohen Riesen getroffen. Von allen Seiten wurden eiserne Pfähle in den Grund getrieben und daran die Seile zur Aufrichtung befestigt. Heute früh in der 3. Stunde begann man mit dem Hochrichten des Mastes, mit dessen Ausrichtung man in den Vormittagsstunden noch beschäftigt ist. Das Fundament wird mit Beton ausgegossen, um dem mächtigen Lichtspender den genügenden Halt zu geben.

Senftenberger Anzeiger (29. Juni 1932)

"Deutschlands höchster Lichtmast." Im Laufe des gestrigen Tages und heutigen Vormittags sind die Arbeiten am Lichtmast im wesentlichen beendet. Die etwa zwei Zentner schwere Kupferkrone ist mit 4

Lampen ausgestattet. In jeder Lampe befinden sich zwei Birnen, je eine zu 200 und 100 Kerzen, was also eine Gesamteinschaltung der Lampen einer Lichtstärke von 1200 Kerzen entspricht. Um sparsamen Lichtverbrauch zu erreichen, erfolgt die Einschaltung nach Einbruch der Dunkelheit von der Polizeiwache aus, wo bereits vor Eintreffen des Mastes mit dem Einbau der Schalttafel begonnen wurde. Es ist ein zweifacher Wechselschalter, der je nach dem Grade der Dunkelheit und des Fahrzeugverkehrs gestattet, verschiedene Lichtstärken einzuschalten. Der Vorteil dieser Einschaltungsmöglichkeit gegenüber der übrigen Straßenbeleuchtung liegt auch darin, daß in mondhellen Nächten eine Einschaltung unterbleiben kann, andererseits im Winter, wenn es bis gegen 8 Uhr dunkel ist und die Straßenbeleichtung aussetzt, eine Beleuchtung des Marktplatzes frühzeitig (Wochenmarkt) erfolgen kann. Die drei Stellen für die Einsetzung der Bäume sind leicht zugepflastert worden, da die Anpflanzung erst im Herbst erfolgen dürfte. Die in der vergangenen Nacht erfolgte Beleuchtungsprobe entsprach allen Erwartungen.

Senftenberger Anzeiger (30. Juni 1932)
Wir lernen also aus den Zeitungstexten, daß der Lichtmast nur die "Krönung" der Baumaßnahmen zur Um-/Neugestaltung des Senftenberger Markplatzes war. Und man sich nicht einigen konnte, ob dieser nun 23 oder nur 21 Meter in den Himmel ragte. Ich glaube, es waren 23.

Für die Neugestaltung des Platzes tauchten in den Jahren 1931/32 mehrere, leicht unterschiedliche Entwürfe auf. Einer der ersten von der Baufirma Sauer, verzichtete gänzlich auf einen Kandelaber in der Platzmitte sondern postierte mehrere Lichtquellen an der Süd- und Nordseite des Platzes. Eine farbige Entwurfszeichnung (20. August 1931) des Architekturbüros Taut & Hoffmann, das hierzulande mehr mit dem

Bau der Rathenau-Schule und der katholischen Schule in der Calauer Straße in Verbindung gebracht wird, zeigt einen großen Lichtmast im Zentrum des Marktplatzes. Letzterer sollte augenscheinlich durch verschiedenartiges Pflaster optisch aufgelockert werden. Das "Verkehrshäuschen" ist auch hier vorhanden, jedoch eher von linsenförmigem Grundriß als - wie final realisiert - rechteckig. Auch sind bei Taut schon die drei Bäume an der Ostseite vorgesehen.

Entwurf der Architekten
Prof. Bruno Taut & Hoffmann
Berlin, den 20.8.1931

Dank an Uwe Jähnert, der das Original als Jugendlicher auf einer Senftenberger Müllkippe fand und aufbewahrte.


Gleichzeitig kommt der Taut'sche von allen Entwürfen der später realisierten Größe der Lichtmast-Krone am nächsten. Anders als der nachfolgende Entwurf, der das Gesamtensemble zwar grundsätzlich am realistischsten wiedergibt (in Bezug auf das Endresultat) auf dem aber die Lichtmastkrone geradezu mickrig ausfällt...

Entwurf vom 29.2.1932
Die Signatur könnte "Pfau", seinerzeit Architekt in Senftenberg, lauten.

Ebenfalls danke an Uwe Jähnert (siehe oben).