Folgt man der offiziellen Verlautbarung der Senftenberger Stadtverwaltung, sollte Frau Dr. Dreesbach vor einigen Tagen das lokale Fachgremium mit einem fundierten Grundkonzept
einschließlich einer Kapitalstruktur für die zu erstellende Stadtchronik (Frau Dreesbach selbst spricht von einer "Festschrift") überrascht haben.
Ob dies geschehen ist und weitere Details in dieser Sache werden so schnell nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Müssen sie auch nicht, denn die generelle Neugier
an jeglichen Vorarbeiten dürfte sich in sehr engen Grenzen halten. Und wie hoch das Interesse am Endprodukt ist, werden wir in knapp drei Jahren erfahren.
Wie dem auch sei: großen Raum wird man in der Chronik der grauen Vorzeit einräumen müssen. Immerhin soll laut Aufgabenstellung der Betrachtungszeitraum 600 vor
Christus starten. Damit ist klar, daß sich mehr als 2500 Jahre nicht wirklich illustrieren lassen. Etwas, das jedoch heutzutage von elementarer
Bedeutung ist, wenn man überhaupt ein Publikum erreichen möchte. Um das Ganze nicht vollkommen textlastig auszuführen, wird man sich auf die Phantasie von Zeichnern
oder neuerdings die Fähigkeiten irgendeiner KI (da ist sie wieder!) besinnen müssen, um sich möglichst passende Bilder erzeugen zu lassen.
Ich persönlich halte es für sehr unwahrscheinlich, daß das "Team Dreesbach" bei seinen Recherchen bislang unbekanntes Bildmaterial zutage fördert, daß vor 1628 anzusiedeln
ist. Von der einen oder anderen Landkarte, auf der Senftenberg (unter anderem) auftaucht, vielleicht einmal abgesehen. Es würde mich jedenfalls sehr überraschen. Das
gilt in abgeschwächter Form auch für den Zeitbereich zwischen 1628 und 1890. Für diese Zeit konnte ich ja in der Vergangenheit die eine oder andere Abbildung (wieder)entdecken,
weshalb ich es es nicht für gänzlich ausgeschlossen, andererseits aber für wenig wahrscheinlich, halte.
1628 ist gefallen, (Wieder)entdeckung auch. Womit die Überleitung zu den heutigen "Schätzchen" vollzogen ist. Durch Christian Hübner wurde ich nämlich unlängst
auf eine gedruckte Variante der allseits bekannten Dilich-Vedute, die Senftenberg anno 1628 zeigt, aufmerksam gemacht. Eine Version, die ich so noch nicht gesehen hatte. Zumindest
kann ich mich nicht daran erinnern. Wie alle anderen bekannten Varianten unterscheidet sich auch diese nicht großartig vom Original. Die jeweiligen Künstler setzten zwar in
allen Fällen eigene Akzente, entfernten sich dabei aber kaum vom Dilich'schen Vorbild. Es war dabei auch nicht das Ziel, irgendeine Interpretation anzufertigen. Stattdessen
war dem Auftraggeber wohl mehr daran gelegen, möglichst eine 1:1 - Kopie zu erhalten.
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Besagte wiederentdeckte Zeichnung stammt von einem namenlosen Künstler und wurde in dem 1877 erschienenen Buch Diplomatarium Ileburgense. Urkunden-Sammlung zur Geschichte
und Genealogie der Grafen zu Eulenberg von George Adalbert v. Mülverstedt abgedruckt. Es dauerte ein paar Tage aber inzwischen wurde mir von der Bayerischen Staatsbibliothek,
die im Besitz eines Originalbuches ist, ein qualitativ hochwertiges Digitalisat der entsprechenden ausklappbaren Buchseite geliefert. Die Grafik möchte ich natürlich schnellstens - und wie gewohnt mit weiterem
Material garniert - hier auf www.gruss-aus-senftenberg.de vorstellen.
Bei der Suche nach passendem Textmaterial machte ich eine zweite Wiederentdeckung und zwar in Form eines Aufsatzes, in dem sich der bekannte Historiker Dr. Rudolf Lehmann mit der Dilich-Zeichnung
beschäftigt. Dieser Text erschien nach meinem derzeitigen Wissensstand exklusiv im Kreiskalender für Cottbus, Calau und Spremberg 1926, wo ich ihn schon vor einigen Jahren fand,
ihn aber auch wieder vergaß.
Nun aber, da der Aufsatz wie die Faust auf's Auge zum heutigen Thema passt und ich ihn auch persönlich für überaus gelungen halte, möchte ich die Gelegenheit nutzen und den vollständigen
Text dem interessierten Publikum offerieren. In besagtem Kreiskalender wurde der Text durch eine Reproduktion der Dilich-Zeichnung begleitet. Aus Platzgründen wurde diese jedoch in vier
Teile "zerschnitten". Das mache ich natürlich nicht. Stattdessen verwende ich nachfolgend einerseits die bereits schon vor Jahren hier vorgestellte Dilich-Variante und andererseits selbstverständlich
die oben oben erwähnte Version, die um 1876/77 vom Original abgekupfert wurde. Um den Kohl so richtig fett zu machen, präsentiere ich zusätzlich noch eine Variante, die weitere 15 Jahre später entstand.
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Eine Ansicht von Senftenberg aus dem Jahre 1628.
Von Dr. Rudolf Lehmann – Senftenberg
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Wer eine Vorstellung von dem Aussehen der Städte in unserer Niederlausitz im Mittelalter und noch in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit gewinnen will, ist in der Hauptsache auf seine Phantasie angewiesen. Bauten und Baureste, die in vergangene Zeiten zurückreichen, spätere Ansichten, Stadtpläne, Straßennamen und Legebezeichnungen, schließlich mehr oder weniger zahlreiche Einzelnachrichten in Stadtbüchern, Stadtrechnungen, Urkunden und sonstiges Quellenmaterial werden ihm dabei zu Hilfe kommen. Abbildungen von Lausitzer Städten besitzen wir erst aus der Zeit des 30jährigen Krieges, für die allermeisten Orte sogar erst aus dem 18. Jahrhundert. Wohl die älteste bildliche Darstellung einer niederlausitzischen Stadt ist die von Guben aus dem Jahre 1622; das Original bewahrt als kostbaren Schatz das dortige Museum auf.
Nur wenige Jahre jünger ist die Ansicht von Senftenberg, von der unser Kalender eine Wiedergabe bringt.
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Der Schöpfer dieser Federzeichnung ist der Zeichner und Historiograph Wilhelm Dilich (1572 bis 1650). Dilich, der aus Hessen stammte, studierte in Wittenberg und befaßte sich dort namentlich mit geschichtlichen und kartographischen Arbeiten, nebenbei mit der Kunst des Holzschneidens und Radierens. Nachdem er, meist im Auftrag des Landgrafen Moritz, Ansichten seines Heimatlandes, eine Beschreibung von Bremen mit Tafeln, eine hessische Chronik mit Abbildungen, Landkarten u. dergl. geliefert und sich auch mit Befestigungsbauten beschäftigt hatte, trat er um 1625 als Ingenieur, Architekt und Geograph in kursächsische Dienste. Als besondere Aufgabe wurde ihm die künstlerische Ausschmückung des Riesensaals im Dresdener Schlosse (1701 zerstört) gestellt. Große Wandgemälde mit Abbildungen sächsischer Orte sollten diesen Raum zieren. Dilich durchstreifte daher von 1626 bis 1629 das Sachsenland und zeichnete in dieser Zeitspanne etwa 130 Städte und Schlösser.
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Das Original von Wilhelm Dilich.
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Diese Ansichten, die sich in der sächsischen Landesbibliothek finden, sind nicht nur für den Geschichtsforscher wertvoll, es sind auch Leistungen von künstlerischer Bedeutung.
1907 sind die Städtebilder von der Sächsischen Kommission für Geschichte in vorzüglichen Lichtdrucktafeln unter dem Titel: Wilhelm Dilichs Federzeichnungen kursächsischer und
meißnischer Ortschaften aus den Jahren 1626 bis 1629 in drei Bänden herausgegeben worden, so daß man nicht mehr auf die schwer zugänglichen, schon etwas beschädigten Originale angewiesen ist.
Senftenberg, das seit der Mitte des 15. Jahrhunderts dem wettinischen Hause gehörte, ist der einzige Ort der Lausitz, der von Dilich aufgenommen wurde. Von Finsterwalde,
das 1625 von Otto von Dieskau an Kurfürst Johann Georg I. verkauft worden war, findet sich keine Abbildung. Die übrige Niederlausitz mit Ausnahme der kurbrandenburgischen Teile,
war zwar 1623 in den Pfandbesitz des Wettiners übergegangen, gelangte aber erst 1635 durch den Brandenburger Frieden als wirklicher Besitz an Sachsen.
Die Ansicht von Stadt und Schloß Senftenberg, die wir hier vor uns sehen, ist von Südwesten, ungefähr von der sanftgewellten Gegend in der Nähe des heutigen Schützenhauses her aufgenommen worden.
Von hier aus bot sich dem Zeichner das Stadt- und Landschaftsbild am vollständigsten und übersichtlichsten dar. In der Mitte liegt die Stadt selbst, von einer Mauer umgürtet,
geschützt auf dieser Seite durch den kleinen Schloßteich, der als Sumpfgelände noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vorhanden war.
Die Erinnerung daran, daß hier einst eine Wasserfläche sich ausbreitete, bewahrt noch heute die alte Bezeichnung des Neumarkts: Mayers Teich.
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Zwei Tore ließen den Verkehr in die Stadt ein, im Westen das aus mehreren Stockwerken bestehende, mit einem Giebeldach versehene Kreuztor, das auf der Abbildung mitsamt der vorliegenden Zugbrücke deutlich zu erkennen ist, im Osten das Schloßtor, das ein ähnliches Aussehen gehabt zu haben scheint. Beide Torbauten sind längst der Zeit und dem Verkehr zum Opfer gefallen. Der Torturm vor dem Schloß wurde bereits 1642 auf Veranlassung des damaligen Festungskommandanten des Oberstleutnants von Güntherode, aus strategischen Gründen niedergelegt, während das Kreuz-, Peitzer oder Stadttor, wie es auch genannt wurde, weil seine Bewachung aller der Bürgerschaft oblag, erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissen wurde,
„Meine Fahne wird sich nun nicht mehr drehn;
Es wird nun keiner zum Tore gehen,
Nach dem Winde zu sehn.
Blick ich zu ernst auf die neue Zeit?
War für der Mode Eitelkeit
Zu alt mein Kleid?
Ich stand so fest wie die alte Treu‘,
So steht fest nicht eine neues Gebäu,
Wie schö’s auch sei!
Warum aber brecht ihr mich denn ab,
Der ich doch niemals ein Aergernis gab
Dem Wanderstab?
Wenn auch ein Wollsack mal stecken blieb,
Geschah es nur, weil man den Gaul nicht trieb
Mit gewuchtigem Hieb“ --- *)
*) aus einem handschriftlich im Senftenberger Heimatmuseum erhaltenen Gedicht: Des Senftenberger Torturms letzte Klage
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Aufnahme = 1628 erstmals abgedruckt in "Diplomatarium Ileburgense. Urkunden-Sammlung zur Geschichte und Genealogie der Grafen zu Eulenberg von George Adalbert v. Mülverstedt 1877 Zeichner unbekannt Bayerische Staatsbibliothek
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Alle Gebäude der Stadt überragt die Stadtkirche zu St. Peter
und Paul mit dem hohen Dach und dem wuchtigen Turm, den
ein Satteldach mit Fähnlein abschließt. Die Uhr, die um 1590
angebracht worden war, ist auf der Zeichnung nicht zu
erkennen. Der Turmabschluß behielt trotz der großen Brände
von 1641, 1670 und 1717 bis zur Erneuerung des Gotteshauses
im Jahre 1891 ungefähr die gleiche Form.
Bei der ersten der drei Feuersbrünste, die ausbrach, als
gerade drei Kompagnien Kaiserlicher im Städtlein einquartiert
waren, sank auch das alte Rathaus in Asche. Das neue, das
man am Anfang des 18. Jahrhunderts fertigstellte und das
heute noch den gleichen Zwecken dient, wurde, der Not der
Zeit entsprechend, ein nüchterner Bau. Sein Dach krönt
nicht mehr ein keckes Türmlein mit Wetterfahne wie einst
1628.
Den religiösen Bedürfnissen der Landgemeinde diente seit
der Mitte des 16. Jahrhunderts die wendische Kirche, die
wir auf unserer Ansicht zwischen Rathaus und Schloßtor
erblicken. Nur das längere, höhere Dach hebt sie, die
schlichte, turmlose aus der Reihe der Bürgerhäuser heraus.
Sie stand damals östlich der Stadtkirche, am Stadtgraben,
gegenüber dem „Haag“.
Nach dem großen Brande von 1670 erhielt sie dann ihren
heutigen Platz nördlich der Hauptkirche an der Storchelster.
Vor dem Kreuztor breiten sich das Dorf Jüttendorf und die Vorstadt „uffm Thamme“ (Thamm) aus. Die Vorstädter wohnten bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts vor dem Schloßtor, mußten sich um diese Zeit aber an den Dammweg im Westen vor der Stadt ansiedeln, weil ihre Häuslein beim Ausbau der Befestigungswerke niedergelegt wurden. Vor der Stadt, ungefähr an der Stelle des alten Friedhofes, steht auch die Kapelle zum Heiligen Kreuz, deren Name uns die Bezeichnungen Kreuztor und Kreuzstraße verständlich macht. Das Kirchlein war 1446 vom Landvogt der Niederlausitz, Nickel von Polenz, gestiftet worden. 1637 brannten kaiserliche Scharen außer Jüttendorf und Thamm auch die Kreuzkapelle nieder. Hinter den Häusern der Vorstädte steigen sanft die damals und noch viel später wald- und weinbedeckten Höhen im Norden Senftenbergs an.
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Noch schlummerte in ihrem Schoße, dem Menschen verborgen, das schwarze Gold, die Kohle.
Vor dem Schloßtor aber liegen die Wirtschaftsgebäude des Burglehns, an das die heutige Burglehnstraße noch erinnert. Ein langer Brückensteg führt von da hinüber nach dem Schloß, dessen Toreingang eine Zugbrücke sichert. Aus dem Wasser und Sumpf des ringsumflutenden Großen Schloßteiches steigen die Erdbastionen und -wälle auf. Aus dem Innern aber reckt sich mit Giebeln, Uhr- und Hauptturm stolz das Schloß in die Lüfte. Die Umwandelung der früheren Burg zu einer Festung geschah, wie schon angedeutet, um 1550, auf Veranlassung des Kurfürsten Moritz. Sein Nachfolger August ließ ein Menschenalter später die Schloßgebäude um ein Stockwerk erhöhen, die Türme aufführen und auf dem Koschenberge eine Warte anlegen. Sie war 1628, die die Abbildung zeigt, noch vorhanden. Fünf Jahre später zerstörten Kroaten dieses etwas entferntgelegene Außenwerk, während das Schloß selbst im Verlauf des großen Krieges niemals
ernstlichen Angriffen ausgesetzt war. Doch hatte es bis zum Siebenjährigen Kriege stets Festungskommandanten und Besatzung. Seit dieser Zeit verfielen die Gebäude und Befestigungsanlagen mehr und mehr.
Dort wo der Elsterstrom in zwei Armen den Schloßteich verläßt, liegt auch heute noch, die Schloß- oder Amtsmühle. Sie war unter dem Amtshauptmann Hans von Dehn gleichfalls um die Mitte des 16. Jahrhunderts neu aus Steinen ausgeführt und erweitert worden. Hinter dem Spiegel des Großen Schloßteiches tauchen aus dichtem Grün ein paar Dächer des Dorfes Buchwalde auf. Durch das Wiesen- und Buschgelände im Vordergrunde, in dem einige Schuppen und die Meisterei liegen, strömt, von der Stadt herkommend, die Wolschinka. Zwei Windmühlen, die auf den Anhöhen nahe am unteren Bildrande hätten stehen müssen, hat der Zeichner weggelassen. Sie hätten die Geschlossenheit und Einheitlichkeit des so überaus wirksam in die Landschaft hineinkomponierten Stadtbildes empfindlich gestört.
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Aufnahme = 1628 erstmals abgedruckt in "Chronik der Stadt Senftenberg und der zum ehemaligen Amte Senftenberg gehörigen Ortschaften" von G.Paulitz Erster Teil - Heft 7 - 1892 gezeichnet von R. Jänichen Sammlung Matthias Gleisner
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In dieser beschaulichen Geschlossenheit der Dilichschen wie auch der bekannteren Merianschen Ansichten liegt für uns einer der größten Reize. Aber dieses Entzücken ist mit einer gewissen Wehmut gepaart. Denn die heute so erweiterten Ortsanlagen gestatten dem Betrachter selten, sie mit einem Blick zu erfassen. In verhältnismäßig ebenen Gegenden wird es nur in wenigen Fällen möglich sein. Schutzbedürfnis und Schutzwehren drängten in alten Zeiten die Bewohner zusammen, trennten sie schroff vom offenen Lande. In der Neuzeit wurden die engeren Schranken selbst bei bescheidenen Landstädtchen gesprengt; weit und breit zerstreut vor den ehemaligen Toren erstrecken sich die neuen Siedelungen. Jeder baute sich an, wo es ihm paßte; und nur langsam geht man von Seiten der Stadtverwaltungen dazu über, bei der Bestimmung der Bauflächen allgemeine, das Gesamtbild und den Gesamtplan des Ortes berücksichtigende Gesichtspunkte mitsprechen zu lassen.
Neben den drei oben abgebildeten Versionen des Senftenberg-Panoramas
existiert bekanntlich noch eine vierte. Und zwar als Unterbestandteil
eines Schmuckblattes, das vom Großenhainer Künstler Camillo Ehregott
Zschille ausgeführt und 1890 veröffentlicht wurde. Siehe rechts.
Im direkten Vergleich mit den drei Konkurrenten fällt die
Zeichnung wesentlich kleiner aus wodurch einige Details verloren gingen.
Zschille lieferte zu der Detailzeichnung eine interessante Anmerkung:
Das Original liegt nur zum Ansehen in der Kgl. öffentlichen Bibliothek zu Dresden aus.
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Heute tritt das Stadtbild von Senftenberg von keiner Seite mehr einheitlich in Erscheinung. Die alten Umwehrungen sind längst überschritten und vergangen. Abgesehen von Teilen der Stadtkirche und ein paar alten Bürgerhäusern am Markt, erinnert kaum etwas noch an frühere Jahrhunderte. Nur die Kernanlage der heutigen Stadt mit ihrer Straßenführung weist in ferne Zeiten zurück, die noch viel weiter zurückreichen als Schweden- und Hussitennot, in graue Zeiten, wo deutsche Kolonisten das Gemeinwesen gegründet haben.
Deutlicher spricht die Vergangenheit zu uns in dem heute von hübschen Parkanlagen umgebenen Schloß, wenn auch die ragenden Türme längst gefallen, die freundlichen Giebel längst verschwunden sind.
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Das bedeutet: alle drei Zeichner - der große Unbekannte (1877), Zschille (1890) und Jänichen (1892) - reterierten sehr wahrscheinlich höchstselbst nach Dresden,
ließen sich das Dilich-Original vorlegen und zeichneten es vor Ort sehr genau ab. Zur damaligen Zeit gab es auch keine große Alternative. Die Fotografie
war zwar bereits erfunden aber ob die in diesen Fällen zum Einsatz kam? Sicher nicht 1877. Alles in allem ein aufwändiges Verfahren und selbst die Anbahnung
stelle ich mir nicht so einfach vor. So ganz ohne Internet, wo man Datenbanken abfragen kann... Woher hatten die Zeichner bzw. deren Auftraggeber überhaupt
Kenntnis, daß diese Ansicht in einem Sächsischen Archiv vorhanden ist? Stille Post? Gab es entsprechende Register? Schließlich wurde das zeichnerische Werk
Wilhelm Dilichs erst anno 1907 der breiten Öffentlichkeit publik gemacht.

So kann man im April 1909 in der Publikation "Deutsche Geschichtsblätter - Monatsschrift der landesgeschichtlichen Forschung" folgendes lesen:
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...
Erst in neuerer Zeit „entdeckt“ wurde dagegen Wilhelm Dilich,
der in Federzeichnungen die Bilder hessischer und sächsischer
Städte festgehalten hat. Die ersteren erschienen unter dem
Titel Wilhelm Dilichs Ansichten hessischer Städte aus dem
Jahre 1591, nach den Federzeichnungen in seiner ‚Synopsis descriptionis totius Hassiae‘‘
(Marburg, Elwert 1902,27 Lichtdrucktafeln; Mk. 20), eingeleitet
von E. Theuner, die letzteren bilden den 13. Band der
„Schriften der Königlich Sächsischen Kommission für Geschichte“
und führen den Titel Wilhelm Dilichs Federzeichnungen kursächsischer
und meißnischer Ortschaften aus den Jahren 1626—1629,
herausgegeben von Paul Emil Richter und Christian Krollmann
(3 Bände; Dresden, C. C. Meinhold & Söhne 1907; Mk. 28).
Waren die Bilder der sächsischen Städte bisher nur teilweise
bekannt geworden, so hatte diejenigen der hessischen wenigstens
teilweise schon Dilich selbst veröffentlicht; diese Federzeichnungen
bilden nämlich die Grundlage der in seiner Hessischen Chronik
enthaltenen Kupfer.
... und nach einem längeren Exkurs in Wilhelm Dilichs Vita:
Dilichs Städtebilder, die uns hier allein beschäftigen, sind
nicht nur wertvoll, weil sie uns das alte Aussehen so vieler Plätze veranschaulichen,
sondern ihnen wohnt auch eine künstlerische Bedeutung inne,
weil sie in weit höherem Maße als es die Zeitgenossen verstanden,
die einzelne Stadt in die Landschaft hineinstellen und ein Gesamtbild,
nicht eine Summe von Einzelheiten geben.
Die Sammlung der sächsischen Städtebilder, die sich in der
Königlichen Öffentlichen Bibliothek zu Dresden finden, sind
schon seit geraumer Zeit gewürdigt und zum Teil auch in der
Beschreibenden Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler
des Königreichs Sachsen reproduziert worden, jedoch in
manchen Fällen in verkleinertem Maßstabe. Die nunmehrige
Veröffentlichung der Königlich Sächsischen Kommission für
Geschichte hat nun die Bilder allgemein zugänglich gemacht
und die geschichtliche Kenntnis des Landes wesentlich bereichert.
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Besonders anzuerkennen ist, daß man zu einer vollständigen
Herausgabe geschritten ist und sich nicht etwa auf die 77
dem heutigen Königreich Sachsen angehörigen Orte beschränkt
hat; es finden sich vielmehr auch 50 gegenwärtig in Preußen
und 5 im Großherzogtum Sachsen gelegene Städte. Ferner sind
die Bilder genau in Originalgröße, und zwar teils durch
Photographie, teils durch Lithographie, aber in einer so
vollendeten Weise wiedergegeben, daß die Einsichtnahme in
das durch häufige Benutzung schon etwas beschädigte Original
für den Geschichtsforscher überflüssig geworden ist.
Der lateinische Begleittext Dilichs, der begreiflicherweise
nichts Wesentliches bietet, ist nicht mit abgedruckt worden.
Die einzelne Ansicht zeichnet sich dadurch aus, daß bei einem
sehr großen Teile, allerdings nicht bei allen, auch
topographische Bezeichnungen — Namen der Tore, der Kirchen,
der Mühlen, Ziegelscheunen usw. — eingeschrieben sind, so daß
auch in dieser Hinsicht der Benutzer manchen wertvollen Anhalt
gewinnt.
Am Ende der Besprechung macht sich der Autor ähnliche Gedanken
wie meiner einer:
Als Teil einer solchen Arbeit oder auch selbständig wäre jedoch
eine alphabetische Zusammenstellung erwünscht, die alle von
Dilich herrührenden Aufnahmen menschlicher Wohnplätze, der
Ansichten nicht minder als der Pläne und Risse, verzeichnet,
damit sie ausgiebig verwertet werden könnten. Ja es wäre zu
erwägen, ob es sich nicht lohnte, einmal alle die genannten
Städtebücher, denen noch manche anderen anzureihen wären —
etwa bis zum Ende des XVII. Jahrhunderts —, in dieser Weise
zu bearbeiten, so daß ein einziges Verzeichnis dem Suchenden
sofort Aufschluß gäbe, welche Orte bei Bruin und Hogenberg,
Saur, Dilich, Merian usw. abgebildet sind. Da sich für nicht
wenige Plätze mehrere Abbildungen finden, die sich gegenseitig
ergänzen, aber auch die Kritik herausfordern, würde eine solche
Zusammenstellung die Ortsforschung sehr erleichtern und gutes
Bildermaterial für so manche Ortsgeschichte an die Hand geben.
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