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08.11.2026
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Die deutschen Behörden-Mühlen mahlen langsam aber sie mahlen... Und so flatterte dieser Tage eine Rechnung bei mir ein, die ich innerlich schon abgehakt hatte. Ein volles halbes Jahr nachdem das Brandenburger Landeshauptarchiv (BLHA) mir einige Sachen gescannt hatte, erinnerte man sich doch noch meiner und forderte den fälligen Betrag ein. Nun gut, es war letztlich keine nennenswerte Summe, die für die Leistung aufgerufen wurde. Gleichzeitig war die Rechnungslegung aber eine kleine Erinnerung, daß ich ja doch noch etwas hier vorzustellen habe. Das war mir nämlich - wie dem BLHA die Rechnungslegung - aus dem Fokus geraten.
Möglicherweise auch deshalb, weil "die Sache" etwas ungewöhnlich ist. Andererseits aber auch keine Premiere hier auf www.gruss-aus-senftenberg.de.
Die zugehörigen Informationen waren und sind äußerst dürftig und in meinem Innersten hatte ich gehofft, daß sich die Archivare bei der Beschreibung geirrt hätten. Diese lautet: Modell von Wohnbauten einer Bergarbeitersiedlung aus verschiedenen Perspektiven (Fragment eines Fotoalbums - 20 Blatt) [evtl. Str. der Jugend in der Gartenstadt Marga in Senftenberg-Brieske]
Da gleichzeitig die Rede vom Atelier Georg Schäfer ist und ein Marga-Fan wie ich diesen Namen mit einer Anzahl sehr schöner Ansichtskarten in Verbindung bringt, bestand die vage Hoffnung, daß da vielleicht etwas in dieser Richtung um die Ecke kommen könnte. Tat es dann letztlich aber doch nicht.

Bevor ich aber zum eigentlichen Fund komme, bitte ich um Verzeihung, daß ich zunächst die ganz ollen Kamellen auspacke. Doch als Einleitung und Bekräftigung meiner oben getätigten Aussage, daß wir es nicht mit einer Premiere zu tun haben, eignen sich die beiden folgenden kommerziellen Ansichtskarten hervorragend...

Senftenberg
Verlag: Ilse-Wohlfahrtsgesellschaft m.b.H.
Grube Ilse N.-L.
R 38197
Aufnahme <= 1911
Sammlung Matthias Gleisner
Dieses Motiv aus Grube Marga ist hinlänglich bekannt. Man findet es in diversen Publikationen und auch echte historische Ansichtskarten mit dieser Ansicht sind vergleichsweise leicht zu erwerben. Und das in unterschiedlichen Varianten und variablen Qualitäten. Bezüglich letzterem rangieren die beiden heute vorgestellten Versionen eher im unteren Segment.

Senftenberg   Senftenberg
Senftenberg
Verlag: Ilse-Wohlfahrtsgesellschaft m.b.H.,
Grube Ilse N.-L.
R 27228
Aufnahme <= 1911
Sammlung Norbert Jurk
Ebenfalls bekannt ist, daß das Ganze nicht von einem echten Luftbild herrührt. Bei mehr als oberflächlicher Betrachtung fallen jedem, der sich ein bisschen in Brieske-Ost auskennt, eine ganze Reihe von Dingen auf, die nicht stimmig sind. Ich erspare mir, diese nun im Detail aufzulisten. Das kann ein jeder für sich selbst betreiben. Also ein Luftbild ist es nicht. Stattdessen basiert die Ansicht auf einem Gipsmodell, das anno 1911 auf der Hygieneausstellung in Dresden präsentiert wurde. Ob das Modell speziell und ausschließlich für diese Ausstellung angefertigt wurde, dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Kann sein, muß nicht.

So weit - so gut. Es gab in Grube Marga, nachdem die sogenannte "Kolonie" fertiggestellt worden war, eine zweite Bauphase. In dieser wurden die, zunächst "Bergmannsheimstädten" genannten, Häuser entlang der heutigen Elsterstraße, Straße der Jugend und Kurzen Straße errichtet. Die Bauten unterscheiden sich erheblich von der verspielten und abwechslungsreichen Architektur der 1. Bauphase, für die von Mayenburg verantwortlich war. In den 1920er Jahre, als die genannten "Bergmannsheimstädten" errichtet wurde, war das Geld schon knapp und/oder der allgemeine Geschmack hatte sich erheblich gewandelt. Die Entwürfe für die außerhalb des ursprünglichen Rings errichteten Wohnhäuser stammten vom ortsansässigen Ewald Kleffel, der die Siedlung(en) konzipierte und wahrscheinlich auch baubegleitend wirkte.
Und das was sich Kleffel ursprünglich ausdachte, liegt uns nun teilweise in Form von fotografierten Gipsmodellen vor. Dabei existieren zwischen Modellen und Realität teilweise Differenzen. Nichts weltbewegendes nach meiner jetzigen Einschätzung. Vielleicht tritt aber noch das eine oder andere zutage, wenn ich mich im Detail damit beschäftige.

Insgesamt schätze ich meinen Archivfund nicht als sensationell ein und doch halte ich ihn für einigermaßen wichtig. Ich gehe jede Wette ein, daß, hätten die Fotos vor 30 Jahren Wolfgang Joswig vorgelegen, hätte er mit Sicherheit einige davon in seinem "Marga"-Buch verwendet. Auch wenn sich dieses Buch im wesentlichen um die erste Bauphase dreht, so streift der Autor doch die eine oder andere Sache aus der zweiten. Dies hätte anhand der Gipsmodelle, die ich weiter unten und zukünftig vorstellen möchte, ggf. ausführlicher und anschaulicher erfolgen können.

Genug der Vorrede, ich starte mal besser. Und das heute mit zwei Modellen, die irgendwie "für sich" stehen, da sich in dem Bestand davon keine Alternativblickwinkel befinden. Kenner von Brieske haben kein Problem mit der Verortung des Modells. Für alle anderen: wir schauen quasi aus nördlicher Richtung auf den Rathenauplatz.
Der hieß früher Hindenburgplatz aber das auch erst so ab der ersten Hälfte der 1930er. Adresstechnisch lief das am Anfang ganz lapidar unter den bereits erwähnten "Bergmannsheim-stätten".
Wie man anhand der Darstellung der Situation in GoogleMaps (links) erkennen kann, wurde der im Modell erkennbare kleine Schlenker der Elsterstraße nicht realisiert. Stattdessen wurde das Stallgebäude der Hausnummer 1 in dieselbe Fluchtlinie wie das der Hausnummer 6 gebracht. Damit wurde die Straße im nördlichen Teil etwas nach Osten (da wir in beiden Fällen einen Blick aus Norden erhalten, also nach links) verschoben.
Ansonsten fällt mir jetzt nicht großartig etwas auf. Nur der Hinweis von mir, daß den ursprünglichen Fensterläden wohl mehr als nur eine funktionelle Aufgabe zugedacht war.
Senftenberg
Atelier Georg Schäfer Holbeinstr., Fotographie für Architektur, Kunst und Kunstgewerbe
Aufnahme <= 1928
Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Man kann sich das auch heute noch live anschauen: 2 der 4 Häuser rings um den Platz besitzen Fensterläden, die anderen beiden nicht. Die optische Wirkung ist gleich eine vollkommen andere. Schade eigentlich, daß man die Fensterläden im Zuge der Rekonstruktion in Marga nahezu flächendeckend abschaffte.
Die Fensterläden fehlen heutzutage auch an den Häusern der Kurzen Straße, die früher mal Schumann-Straße hieß, was offenbar nach dem Krieg nicht mehr tragbar war. Nicht tragbar ist in meinen Augen eher das, was man vor einigen Jahren den sieben Wohnhäusern fassadentechnisch antat. "Hundertwasser für Arme" sage ich nur. Man kann sich mittels Google-Streetview ein Bild davon machen.
Wie harmonisch sieht das im Gegensatz auf dem Gipsmodell aus? Hätte man doch lieber die Rankspaliere wieder aufleben lassen, anstatt die Wände zu "fliesen".

Senftenberg
Atelier Georg Schäfer Holbeinstr., Fotographie für Architektur, Kunst und Kunstgewerbe
Aufnahme <= 1928
Brandenburgisches Landeshauptarchiv

Links noch das GoogleMaps-Pendant anhand dessen man sehen kann, daß das Modell nahezu 1:1 in die Realität umgesetzt wurde.
Das Modell wurde wiederum so fotografiert, daß Der Betrachter von Norden auf die Szene blickt.

Damit möchte ich es in dieser Woche belassen. Weitere Modelle werden folgen.

Grundsätzlich muß ich sagen, daß ich den Aufwand, den man damals mit diesen Gipsmodellen trieb, durchaus beachtlich finde. Die Detailtiefe ist schon beeindruckend und dafür können die einzelnen Bestandteile eigentlich nicht sooo klein gewesen sein.
Zu welchem Zweck das Ganze geschah, bleibt aktuell Spekulation. Auch die zeitliche Einordnung ist etwas schwierig. Ich gehe davon aus, daß die Modelle vor Baubeginn entwickelt und zusammengestellt wurden. Demnach stärker in Richtung erste Hälfte der 1920er als das von mir festgelegte und eher "konservative" <= 1928.