Die einzige, immerhin zweimal erwähnte Aussage zum
SCHLOSSWALL, in der rund 1000 Seiten umfassenden Paulitz-CHRONIK ist diese hier:
„Jedenfalls erbaute noch Hans von Polenz bald nach der Zerstörung des alten Schlosses die neue Burg und zwar mutmaßlich auf derselben Stelle, wo die alte gestanden hatte, unter Benutzung der vorhandenen Anlagen und übrig gebliebenen Trümmer, mit Zugbrücken, Wassergräben, Kasematten und Bastionen.
An dem SCHLOSSWALL hat man 8 Jahre gebaut und den Rasen hierzu von den Triften* der Untertanen zum großen Nachteile derselben erholt.
Der WALL ist aber immer wieder eingestürzt…Dieses SCHLOSS ließ Kurfürst Moritz im Jahre 1550 erweitern und zu einer FESTUNG im Sinne der neueren Kriegskunst einrichten…“*
Die TRIFT (Viehtrift) beschreibt einen Weg, der zum Viehtrieb genutzt wird, d.h. um mit den Tieren vom Stall bis zur Weide bzw. von einem Weideplatz zu einem anderen zu gelangen. Da wir mittlerweile
SCHLOSS, SCHLOSSPARK & ~WALL schon mehrfach, auch unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet haben, möchte ich heute einmal mein Augenmerk auf
DAS HOFLEBEN HINTER DEM SCHLOSSWALL legen, und dabei gleichzeitig mit unseren kindlichen Vorstellungen von einer heilen
MÄRCHENWELT aufräumen,
in der das jeweilige
KÖNIGSPAAR vom intriganten
HOFMARSCHALL zwar schlecht beraten wird, dem
GESINDE aber stets wohlgesinnt ist,
wo der
THRONFOLGER ein armes Mädchen heiratet bzw. die verwöhnte
PRINZESSIN von einem klugen Bauernsohn geläutert wird,
und schlussendlich der gesamte
HOFSTAAT allzeit glücklich und zufrieden miteinander auskommt.
Doch lief das
LEBEN AM HOFE eines Regenten tatsächlich so ab,
wie es uns die Gebrüder Grimm weismachen wollen? Mitnichten.
Ein von mir gegoogeltes, hochinteressantes
BÜCHLEIN bringt hierzu die „blanke Wahrheit“ ans Tageslicht,
nicht nur über das
VERGNÜGLICHE LANDLEBEN, sondern vor allem über das
BESCHWERLICHE HOFLEBEN -
wobei ich mir erlaubt habe, den altdeutschen Text ein wenig unserer heutigen Schreibweise anzupassen:
"Weil an etlicher Fürsten
HÖFE kein Vater den Sohn strafet, kein Freund den andern warnt, keiner vorhanden ist, der das Hof-Gesinde zum Beichten hält, so folget, daß derjenige, welcher sonst von Natur fromm ist, sogleich böse wird:
ist da einer, der gerne die Ehe bricht, so findet er bei
HOFE schon Leute, die ihm Anleitung dazu geben; will er sich an einem rächen, so gibt es schon welche, die sich dazu bestellen lassen. Will er bankettieren, so findet er Schmarotzer und Tellerlecker genug, will er lügen, so findet er Ja-Herren vollauf, die alles loben, was er redet; will er spielen, so findet er Spiel-Plätze und Spieler genug. Will er das Seinige durch die Gurgel jagen, so trifft er Leute genug an, die ihm dazu behilflich sind.
Will er stehlen, so findet er Gelegenheit dazu, will er falsch schwören, so findet er Leute, die ihm Geld dazu geben; begebe er sich zu was für Laster er wolle, so findet er bei Hof bewährte Meister…
Nach dem
HOF begeben sich von allen Orten allerlei Leute und weil sie niemanden kennen, noch die Gebräuche wissen, so biedern sich die Kammerdiener ihnen fein artig an, die Sänger und Musikanten schmiegen sich zu ihnen, die Narren und Schmarotzer laden sich selbst zu Gast und die in Armut geratenen und verdorbenen Edelleute locken ihnen durch Betteln und Lamentieren das Geld aus dem Beutel…
Weil bei
HOF das Glück wandelbar ist, so fällt der eine in einer Stunde, und der andere wird in der andern erhöht.
Dieser stirbt und der andere erbt seinen Dienst.
Bei
HOF mangelt es selten an Uneinigkeit und Neid unter den Dienern, Rangstreit unter den Ministern, Feindschaft unter den Ehrgeizigen und Stänkereien unter den Boshaften. Es mangelt auch nicht an Verleumdern, Zuträgern, Ohrenbläsern und Achselträgern, welche die Leute aufeinander hetzen. Diese bekommen ihr Brot eher bei Hof als ein Pfarrer mit Predigen.
Bei
HOF gestattet man alles: der eine verklagt, der andere verteidigt, der dritte richtet, der vierte schreibt, der fünfte dient, der sechste heuchelt, der siebente spielt, der achte lügt, der neunte betrügt, der zehnte stiehlt, der elfte ernährt sich mit Kuppeln, der zwölfte handelt mit Schelmenstücken. Ist er ein Ehebrecher, so findet er seinesgleichen, ist er ein Spieler, so findet er Spitzbuben, die ihn um das Seine bringen.
Ist er ein Narr, so findet er viele Brüder"
"Bei
HOF hilft es einem wenig, daß er weise und verständig sei, wenn ihm das Glück nicht hold ist, denn man vergißt der treuen und guten Dienste, die man getan hat. Freunde werden zu Feinden und die Newider wachsen wie das Gras. Tugend wird nicht geachtet, Wissenschaft nicht erkannt, Weisheit gilt nichts, Demut hat kein Ansehen, Wahrheit wird nicht geduldet, guter Rat nicht angenommen.
Aus den Mäßigen werden Fresser und Säufer, aus den Geduldigen – Polterer, aus den Edlen – Esel, aus den Verschwiegenen – Schwätzer, aus den Keuschen – Hurer und Ehebrecher, aus den Fleißigen – Müßiggänger, aus den Gottesfürchtigen – kalte Christen.
Bei
HOF muß niemand hoffen, daß ihm dieser oder jener helfen werde.
Wenn du in Armut gerätst, so ist niemand, der dir hilft. Wirst du krank, so besucht dich niemand, stirbst du, so bist du vergessen. Bist du traurig, so tröstet dich niemand. Bist du reich, so rupft und zupft man dich an allen Seiten, bist du viel schuldig, so borgt dir niemand nichts.
Stehst du beim Fürsten nicht in Gnaden, so ist niemand dein Freund."
"Am
HOF tut man viele Sachen, die man für sich selbst nicht täte, sondern weil es andere tun. Man muss bankettieren, will man nicht für einen Heuchler gehalten werden, spielen, will man nicht als Geizhals gelten, den Damen aufwarten, will man nicht für einen ungeschliffenen Kerl ausgerufen werden. Man muß den Hofnarren spendieren, will man vor ihnen Ruhe haben, sich nach dem Geheiß anderer richten, will man nicht für eigensinnig gehalten werden.
Bei Hof dient man zwar
EINEM HERRN, doch gleichwohl muß er
VIELEN HERREN zu Gnaden leben. Wie viel Mühe und Arbeit mußt du haben, ehe du den geringsten Nutzen davon hast !
Willst du befördert werden, so mußt du dem Fürsten dienen, den Ministern aufwarten, den Türhütern spendieren, den Achselträgern schmeicheln und für jedermann das Hütchen unter dem Arm tragen.
Du mußt für diejenigen, die es nicht verdienen, Referenzen machen, Lakaien als Herren ansehen, mußt auf den Sekretär warten und ihn, dem es nicht gebühret, Excellenz nennen. In Summa mußt du dich nach einem jeden richten und dich in tausend Formen verändern."
Auf insgesamt 176 Seiten ging
ANTONIO de GUEVARRA, einst
Bischof, Rath, sowie Beichtvater und Geschichtsschreiber des Kaisers Karl V. (1500 – 1558) mit einer geharnischten Kritik am
BESCHWERLICHEN HOFLEBEN ins Gericht.
Es ist nun an Ihnen, die vor 500 Jahren niedergeschriebenen Sachverhalte auf die heutige Gesellschaft zu beziehen.
und werden feststellen, dass sich diese charakterlichen & zwischenmenschlichen „Erscheinungsformen“ von einst unbeschadet bis heute erhalten haben,
wie auch der
BEHÖRDENALLTAG häufig Ähnlichkeit mit dem
HOFLEBEN von einst hat…
