Die
ANNÄHERUNG AN HISTORISCHE FIGUREN ist eine
SCHWIERIGE AUFGABE, weshalb schon der
VERSUCH in der Historikerzunft aIs suspekt gilt. Im Fall von
ERNST THÄLMANN ist diese
AUFGABE besonders schwer, da er schon zu
LEBZEITEN, nach August
BEBEL & Karl
LIEBKNECHT, der wohl populärste Arbeiterführer in Deutschland war – dabei leider auch zu einer
ÜBERHISTORISCHEN FIGUR gemacht wurde, deren zugeschriebene
EIGENSCHAFTEN mit dem eher bescheidenen Hamburger
ARBEITER wenig gemeinsam hatten. Mit dem
TOD Thälmanns & der 1949 erfolgten
GEBURT der DDR, für die man dringend einen unantastbaren
ARBEITERFÜHRER als
GRÜNDUNGSMYTHOS brauchte, erreichte der
THÄLMANNKULT neue Dimensionen:
Als
KOMMUNIST & ANTIFASCHIST war er aufgrund seiner
LEBENSSTATIONEN & der sich darum rankenden
ERZÄHLUNGEN in doppelter Weise prädestiniert, nach Kriegsende in der SBZ/DDR als
>VORZEIGEKOMMUNIST< zum
HELDEN aufzusteigen…Wichtig für die
SED war allerdings nur, das von ihr konstruierte
THÄLMANNBILD für die
ERZIEHUNG & BILDUNG des „neuen Menschen“ zu nutzen, mehr noch
IHN zum
VORBILD FÜR DIE JUGEND zu machen…
Da sich allerdings das staatlich verordnete
THÄLMANNBILD völlig von dessen biographischer Grundlage abhob, verschwand der
>THÄLMANN, wie er eigentlich gewesen war< & ging in einem
THÄLMANN - MYTHOS auf. In der DDR diente das Hitler-Opfer ERNST THÄLMANN als unanfechtbares
VORBILD, wenngleich hinter ihm eine
TRAGISCHE FIGUR steckte, die ihrer
ROLLE in der deutschen
ARBEITERBEWEGUNG weder geistig, noch politisch gewachsen war. Die DDR-Geschichtsschreiber machten ihn allerdings allein mit dem Satz >Thälmann ist niemals gefallen< zu einer politisch nutzbaren
LEGENDE, indem man wohlweislich wichtige
EREIGNISSE, vor allem
FEHLER, BRÜCHE & NIEDERLAGEN seines Lebens verschwieg, ausblendete, verharmloste, sogar
THÄLMANN-BRIEFE fälschte, wenn deren
TEXT nicht den offiziellen Vorstellungen entsprach…
Die erste große
THÄLMANN - BIOGRAPHIE, verfasst von
WILLI BREDEL mit einem Vorwort von
WILHELM PIECK, erschien schon 1948 – an deren darin entworfenen
GRUNDLINIEN auch in nachfolgenden Biographien bis zum Ende der DDR nicht gerüttelt werden durfte...
Die Causa THÄLMANN zeigt uns sehr deutlich, wie GESCHICHTE FÜR POLITIK benutzt wird: die DDR brauchte einen „HELDEN“, jedoch war die „HISTORISCHE PERSON“ komplizierter & politisch weniger erfolgreich als ihr DENKMAL…
(1) THÄLMANN kam aus dem HAFENARBEITERMILIEU, hatte wenig SCHULBILDUNG & besaß kaum theoretische SCHRIFTEN. Er galt im Gegensatz zu R. Luxemburg & W. Pieck nicht als STRATEGE, sondern lediglich für Moskau als AGITATOR & SYMBOLFIGUR. Er war ein starker REDNER, seine REDEN wurden aber oft von anderen geschrieben …
(2) Unter seiner Führung wurde die KPD zur „BEFEHLSPARTEI STALINS“ und hatte letztlich weder PLAN, noch WIDERSTANDSKONZEPT für die ILLEGALITÄT nach 1933. Da innerparteiliche KRITIKER rigoros ausgeschlossen wurden, brachen zwangsläufig die STRUKTUREN zusammen…
(3) THÄLMANNS erster großer AUFTRITT als KPD-Führer beim isolierten >Hamburger Aufstand< 1923 endete mit einem militärischen DESASTER, kostete 100 Menschen das Leben & brachte ein zeitweises KPD-VERBOT ein. KRITIKER warfen ihm „Abenteurertum“ vor…
(4) Ab 1928 vertrat THÄLMANN die von STALIN vorgegebene Linie, dass nicht die NSDAP, sondern die „sozialfaschistische SPD“ der HAUPTFEIND sei, was als fataler strategischer FEHLER gewertet wurde, da somit eine EINHEITSFRONT gegen die NAZIS verhindert wurde. Noch 1932 hielt er die NSDAP für eine „bald zusammenbrechende BEWEGUNG“ und seine KPD für den eigentlichen SIEGER der KRISE…Diese FEHLEINSCHÄTZUNG wurde natürlich später in der DDR verschwiegen.
Mitten in Berlin, zwischen Kanzleramt und Kurfürstendamm befindet sich hinter dicken Mauern & Stacheldraht eines der ältesten Untersuchungsgefängnisse Deutschlands – die JVA MOABIT.
ERNST THÄLMANN wartete hier ab 1933 auf seinen PROZESS.
Der heikelste Punkt im späteren DDR-Bild THÄLMANNS waren mehrere gescheiterte VERSUCHE, ihn aus GEFÄNGNISSEN zu befreien –
So gab es z.B. im Jahre 1936 einen konkreten BEFFREIUNGSPLAN aus dem o.a. GEFÄNGNIS in Berlin-Moabit, der aber vom ZK der KPD in letzter Minute abgesagt wurde. Sein BEWACHER, der insgeheim KOMMUNIST war & diese AKTION unterstützen sollte, glaubte sich entdeckt & beging daraufhin SELBSTMORD:
Im DDR-FILM wurde dies jedoch verfälscht & WALTER ULBRICHT als RETTER dargestellt – der jedoch just zu diesem Zeitpunkt in PARIS weilte, und von dort aus selbige AKTION abblasen ließ…
Nach dem HITLER-STALIN-PAKT 1939 schrieben ERNST THÄLMANN & seine Ehefrau ROSA mehrere Briefe an STALIN & hofften, dass man ihn, wie schon andere Kommunisten, nach MOSKAU austauschen würde. Der „weise Führer STALIN“ jedoch, von PARANOIA besessen, traute THÄLMANN nach 11 Jahren EINZELHAFT nicht mehr „über den Weg“, lehnte all seine GESUCHE ab & behauptete sogar, dass die Nazis THÄLMANN schon deshalb nicht umbrächten, „um IHN bei Bedarf als VERNÜNFTIGEN KOMMUNISTEN nutzbringend verwenden zu können“…Somit war THÄLMANN als lebende Symbolfigur im Gefängnis für die Komintern-Propaganda fast nützlicher denn als freier Mann in Moskau, wo er womöglich als Rivale für ULBRICHT & PIECK gegolten hätte.
Seine Familie erfuhr erst nach der Befreiung 1945, dass auch ULBRICHT alle Bitten um Hilfe für Thälmann ignoriert hatte. da ER ihm als MÄRTYRER im KERKER für die PARTEI nützlicher schien.
WÄHREND DIE DDR THÄLMANN ALS VON STALIN VEREHRTEN FÜHRER DARSTELLTE – LIESS DIESER IHN FAKTISCH FALLEN…Die beiden DEFA – THÄLMANNFILME >Sohn seiner Klasse> (1954) und >Führer seiner Klasse< (1955) gelten heute als Musterbeispiele für „GESCHICHTSKLITTERUNG im sozialistischen Realismus“.
Sie ersetzen die HISTORISCHE WAHRHEIT durch eine PARTEILICHE SICHT auf die GESCHICHTE & sind eine SELBSTBESTÄTIGUNG der SED als Vollstreckerin von THÄLMANNS IDEALEN.
Interner BEDENKEN des staatlichen Filmkomitees bereits 1953, sowie zeitgenössischen KRITIKEN zufolge, sind die FILME voller UNRICHTIGKEITEN & VERFÄLSCHUNGEN, die jedoch vom sowj. Hochkommissar W. Semjonow einfach weggewischt wurden mit:
„Der FILM muss sich vor allem an propagandistischen ZIELVORGABEN orientieren; zu MENSCHLICHE ZÜGE & ZWEIFEL dürfen nicht gezeigt werden – schon gar nicht bei THÄLMANN selbst.“ Während der deutsche Schriftsteller HARALD HAUSER sich zu einer LOBESHYMNE über die FILME hinreißen ließ, kam der Regisseur KURT MAETZIG im Nachhinein schon peinlich berührt daher... Auch
THÄLMANN’S TOCHTER IRMA wirkte in der DDR als
SYMBOLFIGUR, vordergründig für die >Pionierorganisation ERNST THÄLMANN< - war also keine „neutrale ZEITZEUGIN“, sondern TEIL der staatlichen >ERINNERUNGSKULTUR<. Bei Besuchen in der >Pionierrepublik ERNST THÄLMANN< & diversen >Pionierhäusern< las sie gern aus ihrem Büchlein
>ERINNERUNGEN AN MEINEN VATER< (1951) vor, das aus einem überforderten, oft stimmungsabhängigen Parteivorsitzenden einen pausenlos lernenden ÜBER-VATER macht:
"Als ich ganz klein war, wurde ich schon von der Mutter dazu erzogen, dass ich nichts fragen durfte, dass ich stundenlang allein spielen & dabei schweigen musste, wenn Vater am Tisch saß & studierte.
Wenn ich schlafen ging, saß mein Vater oft noch am Tisch & las oder schrieb & arbeitete mitunter die ganze Nacht hindurch…“ Laut KLAPPENTEXT ist dieses BÜCHLEIN
„ein tiefgründiges, emotionales Porträt einer Frau, die die Liebe, den Verlust und die stille Kraft ihres Vaters durch die Jahrzehnte erzählt. Mit realistischer Sensibilität und einfacher, aber kraftvoller Sprache nimmt sie uns mit in eine Welt, die zwischen Alltag und Erinnerung schwebt. Das Buch ist ein sanfter, aber eindringlicher Rückblick Ein echtes Schatzstück für Liebhaber des Biografischen Realismus. Es zeigt den GROSSEN MENSCHEN, LIEBEVOLLEN VATER & KÜHNEN KPD-FÜHRER ERNST THÄLMANN.“Eine LESERMEINUNG in der „DDR-Nachlese“ klassifizierte es dagegen lediglich als „politisch verklärtes PROPAGANDABÜCHLEIN“.
Ich möchte nun meine BETRACHTUNGEN zu den, in aufwändiger RECHERCHE aus diversen Publikationen gesammelten HISTORISCHEN BELEGEN mit einem letzten Blick auf die DEUTSCHE ERINNERUNGSKULTUR beschließen, auch in der Hoffnung, dass ebenso wie mir als "langlebig PARTEILOSEN Menschen" auch den "strenggläubigen ehemaligen SED-Getreuen & neuen alten LINKEN" die AUGEN ob der kleinen AUSWAHL an >RICHTIGSTELLUNGEN< weit aufgegangen sind
2019 gab es in Deutschland immer noch
613 THÄLMANNSTRASSEN & ~PLÄTZE; ursprünglich waren es über 1000. Nach 1990 wurden also viele umbenannt, bei weitem aber nicht alle,
WARUM?Dafür gibt es 3 wesentliche
GRÜNDE:
(1) Es gab keinen BEFEHL VON OBEN, d.h. anders als bei Hitler~ oder Horst-Wessel-Straßen nach 1945, gab es nach der WENDE keine bundesweite PFLICHT zur UMBENENNUNG. Ob unbenannt wird, entscheidet jede KOMMUNE selbst – mit Bürgeranhörung & Stadtratsbeschluss;
(2) Eine UMBENENNUNG ist teuer & nervig für die ANWOHNER (Personalausweis, Grundbuch, Firma, Schilder etc.) Viele kleine DÖRFER konstatierten: „Wir haben wichtigere Probleme!“
(3) In OSTDEUTSCHLAND ist „TEDDY“ für manche Bürger durch ihre >PIONIERZEIT< noch positiv besetzt, und besonders wo die LINKEN stark sind, scheiterten Anträge oft am STADTRAT mit dem Beschluss:
„Wir lassen den STRASSENNAMEN als historisches Zeugnis stehen – aber mit ZUSATZSCHILD zur „Einordnung“.
Das nennt man „kontextualisieren statt tilgen“…Die
LETZTEN FOTOS zeigen das 14 Meter hohe & 15 Meter breite, 50 Tonnen schwere, vom sowj. Bildhauer LEV KERBEL aus 272 Einzelteilen geschaffene
ERNST-THÄLMANN-DENKMALin BERLIN (Prenzlauer Berg), das aus Bronze besteht & auf einem Granitsockel errichtet wurde. Die leidvolle ERINNERUNG an den ehemaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands wurde leider fortlaufend durch unsägliche, vor allem nazistische & antisemitische SCHMIEREREIEN empfindlich gestört.
Seit 1999 wurden mehr als 15 REINIGUNGSAKTIONEN am geschändeten DENKMAL durchgeführt…