Neues 135 - 2014-07-04

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Matthias
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Neues 135 - 2014-07-04

Beitragvon Matthias » Fr 4. Jul 2014, 14:00

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Harald
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Re: Neues 135 - 2014-07-04

Beitragvon Harald » Sa 5. Jul 2014, 09:50

Sonnenuhr_resize.jpg
EKKEHARD KANDLER wurde 1961 in Dresden geboren, wo er auch aufwuchs und an der dortigen Technischen Universität studierte. Seit nunmehr über 20 Jahren ist er als Architekt und Bauhistoriker in Köln tätig.
Ein BAUHISTORIKER ist immer mit schwierigen Recherchen beschäftigt und versucht, die ursprüngliche Gestalt eines in die Jahre gekommenen, oft auch mehrfach umgebauten Ensembles zu rekonstruieren. Dies ist in seinem Buch
>BURG, SCHLOSS & FESTUNG SENFTENBERG< sehr ausführlich dargestellt, "im Telegrammstil" vielleicht dergestalt formuliert: ;-)

"1764 wurde die Festung aufgegeben, diente seit 1815 als preußisches Staatsgefängnis und Gericht, als Rentamt und Schule. 1837 wurde der Südflügel bis auf die Außenwand abgerissen. 1933 wurde das Schloss umgebaut und seitdem als Museum genutzt. 1992 bis 1998 wurde das Schloss restauriert und verputzt...usw."

Höchst interessant, aber...
den HEIMATFORSCHER & CHRONISTEN interessiert natürlich neben der BAUGESCHICHTE vor allen Dingen, WER dort WANN und WIE gelebt und gewirkt hat. Dabei kann man im im heutigen MUSEUM mit Sicherheit auf uralte Akten von Strafprozessen des Gerichts, zur Verwaltung der grundherrschaftlichen Einnahmen des Rentamtes und eventuell auch auf seltene Zeugnisse des einstigen Gymnasiums stoßen.
Viel interessanter scheint es mir aber, die Schicksale der MENSCHEN zu beleuchten, die sich in diesem alten Gemäuer zutrugen.
Die einstige Nutzung des Schlosses als SCHULE ist bekannt,
auf erhellende Details vom Schulalltag stieß ich allerdings erst beim erst kürzlich erwähnten, in Senftenberg gebürtigen Buchautor HORST MÖNNICH (1918-2014):

"Das ALTE SCHLOSS lag in einem Park, mitten in der Stadt...
Der hufeisenförmige Bau, von dichtem Gerank wilden Weins bezogen, ließ sich zurückverfolgen bis ins 13. Jahrhundert. Einziger Schmuck waren eine Sonnenuhr an der Südseite und der verwitterte Torbogen, den wir unzählige Male passiert hatten, ohne daß uns irgend etwas daran aufgefallen wäre. Jetzt entdeckten wir auf einmal in den steinernen Runzeln Spuren von Umrissen, die bei längerer Betrachtung und bei genügend Phantasie mit Flügeln bewehrte Wappentiere und greuliche Dämonenköpfe darstellen konnten. Auch begann uns die nie ernstgenommene Behauptung eines unserer Studienräte zu interessieren, wonach sich im labyrinthisch verzweigten Kellergemäuer des Schlosses die Pforte zu einem geheimen unterirdischen Gang befinden sollte, durch welche die Wendenfürsten, die einst hier saßen, eine weit draußen im Sumpf eingeschlossene Fluchtburg erreicht hätten.
Der Versuch, diesen Gang zu entdecken, führte uns freilich nur in das Gewölbe, wo die Kohlen lagerten. Von dort gelangten wir, da der Pedell [Hausmeister] die Tür hinter uns versperrte, nur mühsam durch eine Luke wieder ins Freie...
Ich vermute, so wäre es all die Jahre geblieben, die wir brauchten, um bis Prima zu gelangen, wenn nicht plötzlich gewisse Fortschrittler in unserem Städtchen an Boden gewonnen hätten. Diese Leute sagten:
Raus mit den Gymnasiasten aus dem vermoderten Schloß !
Baut unserer Jugend endlich eine vernünftige Schule !
Hätten sie gewußt, wie wenig lieb uns das war !
Denn unsere Klasse wollte in dem alten Gemäuer unbedingt noch die Oberstufe erreichen. Der war es nämlich erlaubt, in den Pausen auf den Burgwällen und, was eigentlich nur stillschweigend geduldet wurde,
dafür aber um so höher im Kurs stand, auch auf den Parkwegen zu promenieren, während die Unter~ und die Mittelstufe, mithin Tertia und Sekunda, auf den Hof verbannt blieben, ein ödes, baumloses Karree, wo die Sextaner ihre harmlosen Schlagab~ und Nachlaufspiele veranstalteten und mit ihrem Geschrei unsere Nerven peinigten.
Ferner sorgte die Umständlichkeit, mit der der Schulbetrieb in den alten Räumen vor sich ging, immer für ein gewisses Maß an Ablenkung.
Zum Beispiel gab es häufig Karambolagen mit anderen Klassen um den alten RITTERSAAL, der als Zeichen~ und Musikraum und bisweilen als Chemiezimmer diente. An solchen Fehden nahmen auch manche unserer Lehrer teil, selbst wenn regelrechte Schlachten entstanden, wobei Kreide, Stühle und Papierkörbe oder was sonst beweglich war, als Munition verwendet wurden.
Ach, und die alten unbequemen, ebenso verfluchten wie geliebten Holzbänke mit ihren Tintenfässern, deren violetter Sud - Tinte konnte man dazu nicht sagen - einen feinen Goldstaub absonderte, der die Pulte wie eine gewachsene Rinde überzog. In diese Rinde hinein aber hatten Generationen von Schülern die sonderbarsten Inschriften und Namen geschnitten - nie wurde man müde, sie zu entziffern. Nein, wir wollten keine neue Schule mit glattlackierten Schreibtischen, die man nicht bekritzeln durfte, weil das dann Beschädigung von Staatseigentum sein würde. Wir waren ja zufrieden mit unserem Schloß !
O verwünschter Fortschritt !"

Sonnenuhr heute_resize.jpg

Seitdem sind viele Jahrzehnte vergangen und das GYMNASIUM hat in der Zwischenzeit schon mehrfach seinen Standort gewechselt. Das gesamte Schloss-Ensemble wurde restauriert und die eingangs erwähnte, alte, ebenfalls aufgeschmückte SONNENUHR strahlt große Zuversicht aus, da sie ja bekanntlich nur die "heiteren Stunden" anzeigt. Möge dies auch in Zukunft so bleiben, während wir Heimatforscher, nach Berufung eines >Beirates für Stadtgeschichte< auch sehr zielorientiert, weiterhin im "Dunkel der Geschichte" umhertapsen...;-)


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