Neues 489 - 2021-10-17

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Matthias
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Neues 489 - 2021-10-17

Beitragvon Matthias » Sa 16. Okt 2021, 08:17

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Harald
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Re: Neues 489 - 2021-10-17

Beitragvon Harald » Sa 16. Okt 2021, 17:34

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„Ein Mann will nach unten, mit allen Mitteln. 15 Jahre werde er brauchen, posaunt Ingenieur Mac Allan, dann seien Nordamerika und Europa zwei Endstationen einer 5000 km langen gigantischen Röhre. Ganze Heerscharen von Arbeitern gehen an fünf verschiedenen Stellen des Atlantik ans Werk und treiben den Tunnel voran, bis nach 7 Jahren eine verheerende Explosion auf der amerikanischen Seite dem Bau ein Ende setzt.“

Diese FANTASTISCHE GESCHICHTE war eine Sensation. Nach der Erstveröffentlichung kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde das BUCH zum ersten deutschen BESTSELLER des 20. Jahrhunderts und verkaufte sich bis 1939 über eine Million Mal, wurde in über 25 Sprachen übersetzt, erfuhr unzählige Auflagen und wurde bis heute viermal verfilmt.

Der Autor BERNHARD KELLERMANN wurde in FÜRTH geboren, weshalb wohl gerade das dort ansässige THEATER ihm mit dem

MUSICAL „DER TUNNEL“

huldigen wollte, das auf seinem Roman basiert, mit dem ihm 1913 als freier Schriftsteller der Durchbruch gelang.

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"Lang ist es her, dass >DER TUNNEL< des Fürther Schriftstellers „durch die Decke ging, weil jener „mit schnurrendem Dramaturgiemotor Selbstüberschätzung, Fortschrittswahn & Liebestragödie unter einen Hut bringt“ – welche wiederum die drei „GESCHMACKSVERSTÄRKER“ sind, mittels derer sich auch MUSICAL-REZEPTUREN zuverlässig aufpeppen lassen, denn Großes wird stets größer, der Wahnsinn wahnsinniger, die Liebe tragischer – wenn die MUSIK spielt.
Aber was für ein IRRTUM:
„Der Tunnel“, dieses episch-visionäre Gleichnis vom AUFSTIEG, FALL & WIEDERAUFSTIEG eines skrupellosen Gesellen, schreit keineswegs nach 18 SONGS mit viel leerlaufendem GEREDE dazwischen.
Nein, „Der Tunnel“, diese übersteigerte KAPITALISMUS – KRITIK, will durchschritten sein mit Satire, Ironie, grellster Ausleuchtung.
Zumindest einen VERSUCH wäre es wert gewesen.
Doch in welcher REQUISITENKAMMER hat der Autor des MUSICALS bloß seine beneidenswert spitze Zunge gelagert, als er sich ans Werk machte und den wuchtigen ROMAN zum 6-Personen-Stöffchen einkochte ?
In 2½ sehr langen, spröden STUNDEN kommt exakt ein SATZ daher, der sofort LACHER einheimst:
„Börsencrash ist wie Winter: nicht schön, kommt aber alle Jahre wieder.“ Immerhin eine Andeutung dessen, was aus der ADAPTION DES BUCHES hätte werden können, denn dass TURBO-KAPITALISMUS verachtenswert ist, war hinlänglich bekannt.
Nun musste es also auch im Stadttheater Fürth dringend mal IM NAMEN KELLERMANNS gesagt werden, doch was jenseits des schwächlichen Moralkeulen-Schwingens übrig bleibt, ist rasch erzählt:

EINE ALLZU BANALE STORY vom ehrgeizigen Ingenieur, der vor lauter Tunnelblick den Geburtstag der kleinen Tochter vergisst, aber die Pfeffersäcke hinter sich zu scharen versteht; ein Unglück, das ungeheuer viele Menschenleben (auch das von Ehefrau und Tochter) kostet; Amok laufende Großinvestoren, Rückkehr des Geschassten, neue Frau, verspäteter Tunneldurchbruch, SCHLUSS
Die REGISSEURIN hält den Laden auf der DREHBÜHNE routiniert zusammen, hat aber kaum SÄNGERDARSTELLER zur Verfügung, die der plakativ-klischeehafter Figurenzeichnung etwas entgegenzusetzen haben. Einzig die geifernde Investoren-Hydra macht mit sagenhafter Soulröhre Pluspunkte, während der Rest über braves Mittelmaß nicht hinauskommt. Und warum es ob der überschaubaren HANDLUNG noch eines SPRECHERS, hier „Personal Trainer“ genannt, bedarf, bleibt das große Rätsel. Das soll wohl der mit dem ZEIGEFINGER sein, damit auch der Letzte begreift: SO GEIL IST GELD nun auch wieder nicht!
Einen soliden, urbanen SWING-SOUND liefert eine acht Damen und Herren starke BAND ab. In besseren Momenten klingt das, als habe sich Udo Jürgens mit Diana Ross beim Überqueren der Straße bei Duke Ellington eingehakt und Burt Bacharach bei Gil Evans. Die PARTITUR baut auf wenige, aber komplexe LEITMOTIVE– ein „OHRWURM“, ein einziger wenigstens, entstand auf diese Weise nicht. Seltsam bleibt zudem, dass Kapital-Haie und Ingenieur vorn auf der Bühne einander die übelsten Sachen an den Kopf hauen, dieweil aus dem Orcherstergraben stets das nächste „schubididub & schnippedischnipp“ um die Ecke kommt.

(Der kurze TRAILER vermittelt leider nur einen winzig-kleinen Eindruck von der MUSIK)


Bleibt als erinnernswertes MEISTERSTÜCK die per Videomapping belebte, sekundenschnell sich wandelnde BÜHNE: Manhattan-Geschäftigkeit, berstende Steinblöcke, Suizid-Blutflecken, monströse Röhren - alles geht in dieser beziehungsreichen Stelen-Landschaft, alles fasziniert.
Zuletzt der DURCHBRUCH. Aber nur auf der Bühne. Man applaudierte sehr freundlich, nicht enthusiastisch.“

Die MUSICAL-PRODUKTION "Der Tunnel", eine Zusammenarbeit von Ewald Arenz (Buch) und Thilo Wolf (Musik), die im Oktober 2015 am Stadttheater Fürth Premiere feierte, wurde insgesamt in 4 Kategorien für den "Deutschen Musical Theater Preis 2016", NOMINIERT:
Beste Komposition, Bestes musikalisches Arrangement, Bestes Bühnenbild & Beste Darstellerin in einer Nebenrolle.

Doch einzig & allein die beiden Letztgenannten heimsten die PREISE ein…
womit ÜBER DIE MUSIK BEREITS ALLES GESAGT IST

Quelle: KRITISCHER KOMMENTAR von MATTHIAS BOLL
"Der Tunnel" enttäuscht im Stadttheater Fürth (19.10.2015)


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