Neues 349 - 2018-11-18

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Matthias
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Neues 349 - 2018-11-18

Beitragvon Matthias » Sa 17. Nov 2018, 09:40

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Harald
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Re: Neues 349 - 2018-11-18

Beitragvon Harald » Di 20. Nov 2018, 11:19

Inserat_resize.jpg

Obwohl der >Senftenberger Anzeiger< während seines jahrzehntelangen Bestehens neben traditionellen Berichten aus Politik, Wirtschaft und Sport, sowie vielen interessanten Regional~ & Lokalnachrichten auch der Anzeigen-Werbung viel Platz zur Veröffentlichung bot, war ich bei meiner Suche nach einem INSERAT irgendeines SEDLITZER LADENS schon der Verzweiflung nahe.
Doch dann entdeckte ich wider Erwarten die oben stehende MITTEILUNG in einer Ausgabe vom Januar 1934.

Schon auf den ersten Blick lässt sich unschwer erkennen, dass nach Hitlers Machtantritt im Januar 1933 die „Epoche der Gleichschaltung“ auch die HANDELSEINRICHTUNGEN nicht verschonte. Der KONSUM und diverse WOHLFAHRTSEINRICHTUNGEN wurden in KONKURS getrieben und deren LÄDEN meistbietend verhökert – im Fall SEDLITZ ein KONSUM an einen zukünftigen KOLONIALWARENHÄNDLER.
Dies verschafft mir nun die Gelegenheit, nachdem ich dieses Thema unter „Neues 345" nur kurz gestreift hatte, etwas ausführlicher auf die

KOLONIALWARENLÄDEN
meiner Kindheit einzugehen.

In der ersten Hälfte des 20.Jahrhundert wurden die GRUNDNAHRUNGSMITTEL sowie Seife, Waschmittel u.a. Haushaltsbedarf in kleinen LADENGESCHÄFTEN erworben, die sich „um die Ecke“, also in Wohnungsnähe befanden und zu deren
GESCHÄFTSINHABERN, der sprichwörtlichen "Tante Emma", eine sehr vertraute Verbindung bzw. wichtige Gesprächsplattform bestand.
Es herrschte ein fester PERSÖNLICHER KONTAKT, Neuigkeiten wurden ausgetauscht, private Sorgen und Freuden geteilt.

Je nach Kundenkreis waren diese >TANTE-EMMA-LÄDEN< in ländlicher Umgebung oder in den Vororten und Arbeiterquartieren regelrechte GEMISCHTWARENLÄDEN, während sie in den Städten gern als DELIKATESSENGESCHÄFTE auftraten und Waren aus fremden exotischen Ländern, überwiegend überseeische Lebens~ & Genussmittel wie z.B. Tabak, Reis, Kakao, Kaffee, Tee, Südfrüchte und Gewürze anboten,
- eben KOLONIALWAREN.
Ich erinnere mich sehr oft und gern an >KOLONIALWAREN Johannes Lau< in der Klettwitzer Straße in meinem Geburtsort Senftenberg II,
wo ich gelegentlich für meinen Großvater KAUTABAK, für die Großmama diversen KLEINKRAM und für mich KITIFIX-KLEBSTOFF einkaufen durfte.

colonialwaren.jpg

Die auf den Plantagen der KOLONIEN angepflanzten ROHSTOFFE wurden nach Europa exportiert, um dort entweder weiterverarbeitet
(z.B. Kakaobohnen zu Schokolade) oder direkt verkauft zu werden: Kaffee aus Brasilien, Tee aus Kenia, Zucker aus Kuba, Reis aus Vietnam, Kakao von der Westküste Afrikas oder Zigarren aus Indonesien. Aus LUXUSARTIKELN für wenige Betuchte wurden schließlich GENUSSMITTEL für alle Bevölkerungsschichten.
Nachdem Deutschland 1884 zur Kolonialmacht geworden war, kam es zu zahlreichen Firmen- und Geschäftsgründungen. Der Besitz eigener Kolonien wurde als besonders vorteilhaft angesehen, da die Kolonialwaren zoll- und steuerbegünstigt direkt von deutschen Plantagen geliefert werden konnten. Ende des 19. Jahrhundert waren Produkte deutscher und europäischer Kolonien wie Kaffee, Schokolade, Bananen, Zucker und Reis aus dem Alltag kaum noch wegzudenken.
Baumwollprodukte hatten das heimische Leinen verdrängt und vor allem die Auto~ und Fahrradproduktion wäre ohne Kautschuk kaum möglich gewesen.

Fremde Güter bildeten nebenher auch die Basis für eine NEUE ALLTAGSKULTUR. Mit der Ausweitung des Lebensmittelsortiments entwickelten sich neue KONSUMGEWOHNHEITEN, wie beispielsweise das berühmte Kaffeekränzchen, die Tea-time oder das Rauchen der Tabakspfeife.

Gemischtwarenladen 1_resize.jpg

Feilgeboten wurden die WAREN bei fahlem Licht und wundersamen Gerüchen in den KOLONIALWARENGESCHÄFTEN, deren Bezeichnung untrennbar verknüpft ist mit dem Zeitalter der Kolonien, das in Deutschland seinen Höhepunkt erst im Kaiserreich erreichte.
Die INNENEINRICHTUNG dieser KOLONIALWARENLÄDEN bestand meist aus Theke, Fliesen, Lampen, raumhohen Regalen, Schubladen mit „loser Ware“, wie Getreide, Bohnen, Linsen, Rosinen und getrocknetes Obst. Der überwiegende Teil dieser edlen Produkte wurde auch lose angeboten, von den Kaufleuten individuell von Hand abgefüllt und verpackt. Zum Abmessen der gewünschten Mengen diente die WAAGE auf dem Verkaufstresen.
Später erweiterten die meisten Kolonialwarenhändler ihr SORTIMENT und boten auch hiesige Alltagsprodukte an: Bier, Wurst, Gurken und Kraut aus dem FASS, aber auch Seifen und Waschmittel.
In GLASKÄSTEN präsentierten die Kaufleute neben Genussmitteln wie Kaffee, Tee und Süßigkeiten auch Butter, Käse und Wurstwaren.
In den SCHUBLADEN warteten loses Getreide, Zucker, Nudeln, Linsen, Erbsen oder Graupen auf die Kundschaft.
Essig und Senf lagerten in Gefäßen aus STEINGUT. Vor dem Tresen ergänzten SÄCKE mit Kartoffeln, KISTEN mit Obst und Gemüse und FÄSSER mit Heringen oder Sauerkraut das Angebot. Zusätzlich wurden in diesen Läden auch Wasch- und Putzmittel, Haushaltsutensilien, Eisen- und Papierwaren, Geschirr und teilweise sogar Schuhe und Kleidung verkauft.
Verpackt wurden die eingekauften Waren in PAPIERTÜTEN, SCHACHTELN oder ZEITUNGSPAPIER.
Wer passendes Münzgeld dabei hatte, konnte dieses direkt in den Kassenschlitz im Verkaufstresen werfen.

Gemischtwarenladen_resize.jpg

Bis in die siebziger Jahre hießen im Westen Deutschlands die „Tante-Emma-Läden“ ab und an noch Kolonialwarenläden – und wer weiß denn heute noch, dass die Abkürzung der Supermarktkette EDEKA (gegründet 1898) für
>Einkaufsgenossenschaft der KOLONIALWARENHÄNDLER im Halleschen Torbezirk zu Berlin< steht?

Und noch eine interessante, wahrlich frappierende STATISTIK aus unserer lokalen Historie:
Im letzten >Einwohnerbuch< von 1941 waren allein für das STADTGEBIET SENFTENBERG
49 Lebensmittelgeschäfte
plus 10 Obst~ & Gemüseläden gelistet – darüber hinaus noch
30 Bäckereien/Konditoreien und 24 Fleischereien.
:o


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