18.10.2026

Senftenberger Anzeiger (1925)
Aufgrund der schieren Anzahl unterschiedlichster Gaststätten-Innenaufnahmen auf Ansichtskarten können wir davon ausgehen, daß die Gastwirte jener Zeit schon davon überzeugt waren, daß es nicht zum Schaden wäre, den einen oder anderen Photographen zu kontaktieren. Nachdem der die entsprechenden Räumlichkeiten in ein vorteilhaftes Licht gerückt hatte und sich danach um die Herstellung von Ansichtskarten kümmerte, musste der Restaurantbetreiber auch nicht lange warten bis er ein Kontingent derselben in die Hand gedrückt bekam. Selbstverständlich bei entsprechender Entlohnung des Produzenten.

Man kann eigentlich mit Sicherheit davon ausgehen, daß diese Produkte danach kostenlos in der jeweiligen Lokalität auslagen, um den einen oder anderen Gast zu animieren, einen postalischen Gruß an Verwandte oder Bekannte zu versenden. Abgesehen vom notwendigen Porto war das also für den Schreiber kostenlos. Vielleicht konnte er sogar die Briefmarke beim Wirt erwerben und letzterer kümmerte sich sogar um den Transport zum nächsten Briefkasten/Postkontor. Spekulation meinerseits.
Der Hintergedanke war natürlich, irgendwie (über-)regional Werbung für das auf der Postkarte abgebildete Gasthaus zu machen. Ob sich das in der Realität aber auswirkte, ist zumindest fraglich.

Senftenberg
Photogr. E. Weissgärber, Senftenberg N.-L.
2817
Aufnahme <= 1928
Sammlung Matthias Gleisner
Unstrittig hingegen ist, daß ich nicht so der ganz große Fan von diesen Produktionen bin. Aus heutiger Sicht ist der Informationsgehalt solcher Motive nach meiner Einschätzung unbedeutend. Vielfach ist es lediglich ein nostalgischer Blick in den historischen Rückspiegel in dem man sehen kann, wie sich die Einrichtung des einen oder anderen Lokals vor 100 Jahren darstellte. In Fällen, in denen die abgebildete Lokalität heute nicht mehr existiert oder aber einer völlig anderen Nutzung zugeführt wurde, wird es dann noch um einiges uninteressanter.

Dies trifft auf die beiden Ansichtskarten links und rechts durchaus zu. Wobei ich vielleicht noch aufklären sollte, um welche Lokale es sich überhaupt handelt denn auf eine bildseitige Beschriftung wurde in beiden Fällen verzichtet.

Bei der linken Zweibildkarte handelt es sich um das Gasthaus von Hermann Semch in Sedlitz. Das Haus wurde später unter "Lindengarten" bekannt. Laut Lothar Winkler ("Sedlitz - Geschichte und Geschichten") wurde der "Lindengarten" anno 1997 geschlossen. Zumindest der dazugehörige echte Lindengarten wird bis heute von der Dorfgemeinschaft für diverse Festivitäten gerne genutzt.

Senftenberg
Franz Kachel, Photo-Ateliers,
Senftenberg, N.-L. Nr. 466. Fernruf:
Groß-Räschen Nr. 65
R6543 25
Aufnahme <= 1925
Sammlung Matthias Gleisner (Schenkung H.Laurisch)
Obwohl es die Gaststätte, die auf der rechten Dreibildkarte zu Ehren kommt, schon lange nicht mehr gibt und auch das Haus an sich nicht mehr existiert, kann derjenige, der schon eine Weile auf www.gruss-aus-senftenberg.de zugange ist, eine gedankliche Verbindung dazu herstellen. Bei der örtlichen Zuordung hilft uns natürlich enorm, daß uns zusätzlich eine Außenansicht geboten wird. Ein Umstand, der diese Produktion auch auf meiner persönlichen Beliebtheitsskala nach oben steigen lässt. Und der es leicht macht, das Etablissement als "Zahns Gasthaus", später "Forsthaus", in Hörlitz-Flur zu identifizieren.
Beide Produzenten - Emil Weissgärber links und Franz Kachel rechts - waren zur Entstehungszeit dieser Ansichtskarten für derlei Innenaufnahmen bekannt. Kachel war im direkten Vergleich sicher fleißiger. Ernst Wenzel, der ganz oben Reklame für seine Künste machte, trat nach meinem Gefühl nicht ganz so stark in Erscheinung. Dafür glänzte der in der Regel mit Außenansichten - entweder solo oder in Kombination mit einer Innenaufnahme. Für mich persönlich die bessere Wahl.

Wenn auch die Datierung der obigen Ansichtskarten etwas vage ist - mir liegen nur weitestgehend "Ladenfrische" Originale vor - so sind die räumlichen und zeitlichen Planken doch ausreichend geklärt.

Das gestaltet sich bezüglich des dritten und letzten Stückes für heute nicht ganz so einfach.
Inhaltlich passt diese Fotokarte ganz gut zum Thema. Auch hier schwingt der Oberbegriff "Gastwirtschaft" mit. Aber wo wurde die fünfköpfige Gesellschaft aufgenommen? Sicher ist nur, daß diese Postkarte am 30. August 1907 postalisch von Senftenberg auf die Reise nach Kamenz geschickt wurde.
Und zwar an den Wirt des dortigen Restaurants "Schloßberg".

Der Text, mit dem man entweder auf einen verflossenen oder aber zukünftigen Besuch im Kamenzer Etablissement anspielt, lautet: Die besten Grüße
senden Ihre vier
Sonntagsgäste.

Es folgen vier Namen, die - meine Sütterlin-Fähigkeiten sind definitiv verbesserungs- würdig - teilweise unleserlich sind. Was aber letztlich keine große Relevanz hat, oder ist jemand mit dem einen oder anderen verwandt?
Auch ohne konkret die fünf abgebildeten Personen zu kennen, bin ich mir ziemlich sicher, daß unsere vier "Sonntagsgäste" die 4 linken Leute sind.
Bei dem älteren Herren rechts könnte ich mir durchaus vorstellen, daß es sich um den Wirt - und jetzt komme ich mal langsam zum springenden Punkt des Kartentextes - des damaligen Hotel Stadtkeller handelt.

Senftenberg
Aufnahme = 08.1907
Sammlung Matthias Gleisner

Ich erkenne nämlich eine gewisse Ähnlichkeit zu der auf der Ansichtskarte rechts abgebildeten Person, bei der wir ohne Zweifel von Karl bzw. Carl Wolf, den Wirt des "Stadtkeller" kurz nach der Jahrhundertwende, ausgehen können. Na gut, damals sahen wahrscheinlich alle Männer in einem bestimmten Alter ziemlich gleich aus und vielleicht will ich ja auch nur, daß sich unsere Personengruppe vor dem Senftenberger "Stadtkeller" ablichten ließ. Aber wenn ich alles in Betracht ziehe, dann macht das schon irgendwie Sinn und als Stand- bzw. Sitzort der kleinen Gesellschaft würde ich mich auf den Seiteneingang des "Stadtkeller" festlegen. Selbigen können wir auf der Ansichtskarte rechts ebenfalls ausmachen. Wir hätten da die zweiflüglige Tür, das Fenster rechts und auch den großen Zwischenraum links der Tür. Alle diese Anzeichen finden wir auch auf der Fotopostkarte wieder.
Senftenberg
Naja, wie geschrieben: möglicherweise will ich ja nur, daß es sich auf dem Foto um "irgendwas in Senftenberg" handelt. Einfach, damit sich meine Investition und die digitale Restaurierung gelohnt hätten. Mir ist natürlich klar, daß ich der einzige bin, dem das auch nur ansatzweise wichtig ist, denn grundsätzlich hat die Aufnahme keine Relevanz. Schon allein weil der Stadtkeller im Mai 1945 ausbrannte. Andererseits... Isolde Rösler, Werner Forkert, Norbert Jurk... alle deklarierten in ihren Büchern jeweils mindestens eine Fotografie als Senftenberg-bezogen, was jedoch entweder falsch, mindestens aber höchst zweifelhaft ist.
Insofern kann ich mir das bis zum Beweis des Gegenteils schon lange leisten. Prost!