12.07.2026

Senftenberg
G. Gramsch, Dresden-N., Böhmischestr. 37
Aufnahme <= 1915
Sammlung Detlef Sommer
Senftenberg
Aufnahme <= 1934
Sammlung Detlef Sommer

Was soll ich sagen? Die Aufbereitung der beiden oben abgebildeten Fotopostkarten nahm unverhältnismäßig viel Zeit in Anspruch. Wobei die Arbeit aufgrund der starken Beschädigungen schon in einem normalen Rahmen blieb. Unverhältnismäßig aber weil die gezeigten Örtlichkeiten eigentlich nicht zu meinem Untersuchungsgebiet gehören. Wir erinnern uns: mir wurde eher so von außen eine Beschäftigung mit der Geschichte (im weitesten Sinne) des kleinen Dörfchens Biehlen "übergeholfen". Dabei sammelte ich so ein paar Ansichtskarten und Fotos aus dem Dorf ein. Ohne auch nur mehr als eine vage Ahnung von den dortigen Gegebenheiten und der Historie zu haben. An der fehlenden Ahnung hat sich bislang auch nicht viel geändert. Darum bin ich zu den beiden abgebildeten Häusern auch nicht wirklich aussagefähig. Vermutlich steht das rechte noch, wobei eine Nutzung als Ladengeschäft schon lange nicht mehr im Raume steht. Das Häuschen rechts identifiziere ich als die "Colonialwaren- und Flachenbier-Handlung Adolph Münnich". So kenne ich das Gebäude zumindest von einer kommerziellen Ansichtskarte. Das <= 1915 ist eine grobe Schätzung. Vermutlich wäre sogar <= 1910 nicht falsch.
Was die Noch-Existenz dieses Hauses betrifft, wage ich zu behaupten, daß das Gebäude spätestens in den 1930ern einem Neubau wich. Eine Ansichtskarte, die sich in meinem digitalen Archiv befindet, zeigt nämlich ein völlig anderes Gebäude unter dem Titel "Kolonialwarenhandlung Willy Münnich". Wenn ich nun 1 und 1 zusammenzähle, vermute ich, daß der Geschäftsbetrieb in Familienhand blieb, die dafür genutzte Immobilie jedoch zwischenzeitlich auf einen moderneren Stand gebracht wurde.

In Ermangelung potenter/williger Ansprechpartner für die Biehlener Historie muß ich leider an dieser Stelle schon das Handtuch werfen. Klar, mit größerem Engagement meinerseits hätte ich vielleicht noch das eine oder andere herausgefunden aber wie angedeutet: Biehlen ist für mich lediglich ein kleiner und mehr zufälliger Blick über den Tellerrand. Da ich auch nicht erkenne, daß heutzutage irgendein Interesse daran besteht - nicht in Biehlen und schon gar nicht in Senftenberg - möchte ich mich da auch gar nicht weiter hinein vertiefen. Wie gesagt: die digitale Aufbereitung hat, gemessen am allgemeinen Interesse des Publikums, schon viel zu viel Zeit gekostet.
Die Stunden, die ich mit der Behebung der mannigfaltigen Beschädigungen besonders am linken Stück verbrachte, nutzte ich parallel für gewisse Überlegungen. Das mache ich bei diesen Gelegenheiten eigentlich ständig denn die digitale Restaurierung ist in weiten Teilen ein mechanischer Vorgang, der noch genügend Raum zum Nachdenken bietet und meinerseits vorrangig mit der Ideenfindung hinsichtlich der inhaltlichen Einbindung der vor mir liegenden Grafik ausgefüllt wird.

Da in diesem Fall von Anfang an klar war, daß mir zu Biehlen eigentlich nichts einfallen wird, tendierten meine Gedanken mehr in Richtung "wozu mache ich das eigentlich alles (noch)?". Diese Frage stelle ich mir in letzter Zeit immer häufiger und das hat mit der ganzen Dynamik auf dem Feld zu tun. Wenn ich mal über meine "Ein-oder-zwei-Mann-Blase" hinausdenke, dann registriere ich mittlerweile ein flächendeckendes Desinteresse an dem Thema. Über die letzten Jahre sind mir nämlich so einige "Fans" von der Fahne gegangen, sei es durch Umorientierung, nachlassende Lust, Übersättigung oder aus anderen Gründen. Manchmal aber auch durch ein viel zu frühes Ableben.

Besonders letzteres waren zwei herbe Dämpfer für mein Selbstwertgefühl in dieser Beziehung. Norbert und Christian haben aus dem, was ich hier fabrizierte, etwas gemacht. Nicht einfach nur höflich zur Kenntnis genommen sondern richtig physisch verwendet, um ihre eigenen Projekte zu entwickeln. Das generierte Austausch, Diskussion, manchmal sogar Kontroversen. In jedem Fall hat es alle weitergebracht und mindestens auf meiner Seite war dies ein erheblicher Ansporn.
War. Ist nicht mehr.

Gut, ich könnte nun sagen: wenn mir die ganzen "Nachverwerter" wegbrechen, muß ich halt selbst in dieser Richtung tätig werden und endlich mal irgendwas fertig kriegen. Denn www.gruss-aus-senftenberg.de ist ja nichts was annähernd "rund", "abgeschlossen", "definiv" zu nennen wäre. So war das auch nie gedacht. Tja, müsste man mal...
Aber ehrlich gesagt, habe ich die Kraft nicht (mehr).
Nach all der investierten Zeit und dem versenkten Geld gelange ich immer stärker zu der Einsicht, daß das hier kein Thema für das 21. Jahrhundert mehr ist. Das große Publikum ist zu 99,9% mit anderen Dingen beschäftigt wobei sich komischerweise doch viele gern mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Dies jedoch meistens in dieser "früher war alles besser"-Manier. Da ist viel Verklärung dabei und die sozialen Medien sind mittlerweile voll mit diesen "Ost-Kombinaten", "DDR - ich war dabei" - Gruppen, diesem ganzen Ostalgie-Kram halt. Man kann schon gar nicht mehr treten vor lauter "DDR-Museen", die auch noch in der letzten Scheune auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, Stern-Rekorder und RG28, FDJ-Fahnen und Ehrenurkunden, Plasteeierbecher und Mitropa-Geschirr in der Optik von Messi-Haushalten (und damit ist nicht der Fußballer gemeint!) aufstapeln.
Da bin ich raus. Das ist mir alles zu flach.
Eine weitere Entwicklung kommt erschwerend hinzu: man nimmt es in der Zwischenzeit auch gar nicht mehr so genau mit der historischen Wahrheit. Stattdessen mehr so gefühlte Wahrheit. Und das zunehmend unter Zuhilfenahme künstlicher Intelligenz. Technisch gesehen ist das, was damit möglich ist, der absolute Wahnsinn. Inhaltlich jedoch in meinen Augen zuweilen grenzwertig bis gefährlich. Die (noch) vorhandenen Warnhinweise bei der KI-Nutzung hält viele nicht davon ab, sich mit deren Hilfe einfach Geschichte "generieren" zu lassen. Es ist völlig nachrangig, ob das so erzeugte Foto, das so "gedrehte" Filmchen ,die damalige Realität wiederspiegelt oder nicht. Es zählt nur noch der kurze Unterhaltungswert denn bei der Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches besteht kaum noch eine Chance zu hinterfragen. Piepegal! Hauptsache bunt, Hauptsache es wackelt irgendwas vor der Pupille, das den Anschein erweckt, real zu sein. Manchmal nicht einmal mehr das.
Es ist teilweise zum Schreien. Es gibt Facebook-Gruppen, in denen Mitglieder, die offenbar selbst zu unbeholfen sind, die KI zu füttern, andere Mitglieder auffordern, aus von ihnen gelieferten Fotos irgendwas zu machen. Vielfach soll die Qualität verbessert werden. Schärfen, Reparieren, vielleicht auch Colorieren. Das ist bis zu einem gewissen Grade ja auch nachvollziehbar. Auch wenn ich mich oft frage: Warum? Zuweilen bekommt man den Eindruck, daß dieser oder jener nur einen Vorwand sucht, sich selbst darzustellen ("fishing for compliments" nennt man das) oder um mal wieder ein paar Hakenkreuze ("Das einzige Bild von meinem Opa.") ungestraft in der Öffentlichkeit zu präsentieren.
In anderen Fällen soll eine neue Frisur angezaubert werden, sollen Personen/Tiere/Dinge hinzugefügt oder entfernt werden, mal will man sich vor einem teuren Auto, an einem exotischen Ort oder in Begleitung von Prominenten wiederfinden. Verstorbene sollen als Engel in den Himmel schweben oder man selbst möchte schlanker aussehen oder sich als Sportskanone darstellen. Besonders infantil wird es, wenn einfach nur "irgendwas" mit einem Foto gemacht werden seoll. "Tobt euch aus!", "Macht bitte was schönes daraus!", so lauten dann die Aufforderungen. Absolut hanebüchen! Ich glaube langsam, daß diese Anfragen selbst von einer KI erzeugt werden, um irgendwas am Laufen zu halten. So bescheuert kann man doch eigentlich nicht sein.

Auch vor historischen Ortsansichten wird nicht halt gemacht. Es ist mittlerweile technisch möglich, selbst sehr schlecht erhaltene Ansichtskarten oder Fotos binnen weniger Sekunden zu optimieren. Mit teilweise beeindruckenden Ergebnissen.
Selbst das Animieren eines alten Fotos - die darauf abgebildeten (oder ausgedachte) Personen bewegen sich plötzlich durch die Szene - läuft zwar unter "Hexenwerk" kann aber heutzutage von nahezu jedem in Auftrag gegeben werden. Die richtigen Befehle an die KI und in kürzester Zeit steht das Filmchen zum Download bereit.
Wie so etwas aussehen könnte, habe ich einmal anhand der obigen historischen Fotografie getestet. Ich muß dazu sagen, daß das mein erster Versuch überhaupt und darüber hinaus nur mit einem kostenlosen KI-Tool war. Nach ein paar Minuten Rechenzeit wurde mir folgendes angeboten:

Übrigens: der Befehl oder "prompt", wie man das in diesem Zusammenhang nennt, wurde mir zu allem Überfluß auch durch eine KI vorgeschlagen und generiert. Er lautete:
Animate this historic sepia photograph into a realistic 8-second cinematic shot. The little boy gently lets go of the man's hand and runs happily across the garden toward the right. The man turns his head and watches him with a slight smile. The woman standing on the steps waves gently, while the little girl takes one or two careful steps forward. The dog follows the running child. Bare tree branches sway lightly in the breeze. The house and camera remain fixed. Preserve the original sepia look, historical clothing, and early-20th-century atmosphere. Natural human motion, realistic physics, no modern elements.

Von Hintergrundmusik war zwar keine Rede, die hat sich die Video-KI selbst ausgedacht, aber das Resultat ist schwer beindruckend oder? Und ich frage mich nun, wofür ich eigentlich noch gebraucht werde. Je länger ich darüber nachdenke, um so mehr bekomme ich es mit der Angst vor dem zu tun, was uns als Menschheit blühen könnte.