22.03.2026

Senftenberg
Wilh. Brückner, Papierhdlg.,Senftenberg N.-L.
Ges. gesch.
ECHTE PHOTOGRAPHIE
Teco
33
Aufnahme <= 1934
Sammlung Matthias Gleisner

Na, das wurde jetzt aber wirklich mal Zeit!

... ist so ein Spruch, den ich immer dann - entweder gedanklich oder tatsächlich lauthals - von mir gebe, wenn nach einer gefühlten Ewigkeit endlich ein Original einer Ansichtskarte auf meinem Schreibtisch liegt, von dessen Existenz ich schon viele Jahre Kenntnis habe, dessen ich aber lange nicht habhaft werden konnte.
Im aktuellen Fall des oben abgebildeten Stückes zog sich die Durststrecke über mehr als 10 Jahre hin! Vor sage und schreibe 11 Jahren fand ich inmitten der, einige Zeit zuvor dem Stadtarchiv übereigneten, Materialien des Senftenberg-Chronisten Werner Forkert, eine Kopie jener Ansichtskarte. Zwar in unterirdischer Qualität (siehe unten) aber doch für mich als kommerzielle Ansichtskarte erkennbar.

Dabei muß ich sagen, daß die Forkertsche Materialsammlung nur aus sehr wenigen Originaldokumenten und -fotos besteht. Beim übergroßen Teil handelt es sich um Zeitungsschnipsel aus den 1990ern/2000ern sowie hand- oder maschinenschriftliche Aufzeichnungen und Abschriften. Vereinzelt auch Kopien von Ansichtskarten oder Fotos in der links dargestellten Qualität, die irgendwie auch symptomatisch für jene Zeit ist. Während es im Westen bereits seit den 1960ern Fotokopierer gab, waren diese im Osten (aus Gründen) bis zur Wende nahezu unbekannt. Nach Grenzöffnung schwappte, wie so vieles, solche Technik auch nach Senftenberg und entwickelte sich zur universellen Wunderwaffe in Sachen Reproduktion. Während die dabei erzielte Qualität für gewöhnliche Schriftstücke durchaus passabel war und ist, kann mich die Technologie, sobald Bildmaterial ins Spiel kommt, überhaupt nicht überzeugen.
Die allermeisten hielt das aber nicht davon ab, im Büro oder im Copyshop um die Ecke alles was nicht niet- und nagelfest war, durch den Kopierer zu jagen.
Dabei wurde aus Zeitgründen oder purer Unwissenheit die niedrigste Qualitätsstufe gewählt, der Kontrast auf Anschlag geregelt und auf Standardkopierpapier ausgedruckt. Die erzielten Ergebnisse waren in aller Regel ein Intermezzo aus Schwarz und Weiss ohne jegliche Differenzierung und Abstufung und damit in den meisten Fällen vollkommen unbrauchbar.

Passenderweise stieß ich bei meinen Vorbereitungen im Internet auf ein Foto, das Werner Forkert mit genau so einer Katastrophe in den Händen zeigt.

Wie gut sind wir - nicht zuletzt durch meine Arbeit - in dieser Beziehung heutzutage aufgestellt? Sowohl die Aufnahme, die Forkert in Händen hält, als (seit heute) auch die Ansichtskarte oben, liegen zwischenzeitlich in sehr guter Qualität vor.

Und was hinzu kommt... die Provenienz ist so gut es geht sauber und transparent dokumentiert.

Meine kritische Einstellung zu Werner Forkert ist kein Geheimnis. Und daß diese stellenweise von der hierzulande vorherrschenden Meinung über ihn abweicht, auch nicht. Ich kannte Forkert nicht persönlich, kann ihn deshalb nur an seinen Büchern und anderweitigen Publikationen (Zeitungsartikel etc.) messen. Forkert kommt dabei nicht so gut weg. Das hat größtenteils mit dem nahezu flächendeckenden Fehlen von Quellenangaben zu tun.
Seine beiden Bücher "Senftenberger Rückblicke I und II" (der 3. Band erschien posthum und dafür kann man ihn nicht "haftbar" machen) bestehen teilweise aus Abschriften historischer Texte aus fremder Feder. Zum Teil 1:1 mit einem umgestellten Satz hier und einem ausgetauschten Wort da. Kann man machen. Wenn man dies kenntlich macht und Roß und Reiter klar benennt. Der unbedarfte Leser kann fälschlicherweise zu der Auffassung gelangen, daß alles was er da liest, auf Forkerts Mist gewachsen ist. Etwas, das über größere Strecken aber nicht stimmt. Beispielsweise stammen mehrere Kapitel von Günter Grubann ohne daß dessen Name irgendwo auftaucht. Ich hätte mir von einem Diplomgeschichtslehrer mehr Sorgfalt und Transparenz gewünscht. So nährt es auf der einen Seite den Verdacht von "mit fremden Federn schmücken" und erschwert auf der anderen Seite natürlich die Arbeit nachfolgender Chronisten/Forscher, da der Ursprung von Informationen unnötig verschleiert wurde.

Werner Forkert (1940 - 2008)
Ich selbst habe in den vergangenen 15 Jahren genügend Material gesichtet, daß ich halbwegs die Quellen vieler Texte, die in Forkerts Büchern zu finden sind, benennen kann. Das hätte jeder, bei Einhaltung grundlegender Regeln, aber auch leichter haben können. In dieser Beziehung kann ich Frau Dr. Dreesbach, der Senftenberg-Chronistin des 21. Jahrhunderts, nur raten, sich nicht zu sehr auf Werner Forkert zu beziehen.
Naja, man wird schon wissen, warum man in der Ausschreibung zur Chronik die Einhaltung von Urheberrechten und ein lückenloses Quellenverzeichnis einfordert.

Lässt sich der Ursprung der Texte noch annähernd ermitteln, so klappt das mit dem, von Forkert verwendeten, Bildmaterial nur ungenügend. Gut, sooo viel ist es ja nicht mehr, doch bei einigen der Fotos und Ansichtskarten, die entweder in den Büchern zum Einsatz kamen oder in Kopie in seinem Nachlaß zu finden sind, hätte mich schon interessiert, wo diese einst herkamen und ob man da vielleicht noch einmal jemanden kontaktieren könnte.
Glücklicherweise konnte ich mit dem Auftauchen der Lange-Chronik vor einiger Zeit mehrere diesbezügliche Wissenslücken schließen. Sowohl was Text- als auch was Bildmaterial betrifft, das sich Forkert "ausborgte".

Was mich dann auch zur zweiten Aufnahme für heute bringt. Diese - vermutlich ein Abzug von einem privaten Negativ mit (leider) einer kleinen Überbelichtung unten mittig - stammt nämlich aus dem Dunstkreis Hans Langes. Die Datierung des Fotos gestaltet sich etwas vage aber ich habe mich letztlich auf <= 1937 festgelegt. Mein Anhaltspunkt ist dabei die Position der Traufe des Hauses Markt 14, von der wir zwar nur ein kleines - aber ausreichendes - Stück sehen. Seit Abriß und Neuaufbau der Nr. 14 Mitte 1937 stellt sich das Ganze nämlich leicht anders dar. Nach unten gibt es indes einen mehrjährigen Spielraum: alles zwischen 1930 und 1937 wäre möglich.

Auf der Ansichtskarte ganz oben erkennt man die Sachlage pre 1937 sehr viel besser und in der Tat ordnete ich dieses Motiv für eine kurze Zeit ebenfalls großzügig in <= 1937 ein. Bis mir bei meiner digitalen Restaurierung ein Detail auffiel, das mir irgendwie nicht erinnerlich war. Und zwar die Aufschrift Cugiers Bierstuben am Haus Markt 18.
Ich finde diese Firmenbezeichnung aktuell nur noch auf einem weiteren Motiv, das dummerweise bislang ebenfalls als <= 1937 eingetaktet war. Dieses "Cugiers" (ich weiß nicht einmal, wie das korrekt auszusprechen ist) weckte meinen Forscherdrang und ich vertiefte mich in die in Frage kommenden Jahrgänge des Senftenberger Anzeiger. Und dies nicht ganz unerfolgreich...

Senftenberg
Aufnahme <= 1937
Sammlung Uwe Jähnert
Senftenberger Anzeiger (Juni 1934)
Zwar sind Inserate wie das nebenstehende, an denen man eine Geschäftstätigkeit unter einem bestimmten Namen nachvollziehen kann, in diesem Fall sehr rar, doch letztlich konnte ich ermitteln, daß Paul Cugier im Januar 1935 die Bewirtschaftung des Lokals an Eduard Rißka übergab. Letzterer führte von da an das Geschäft unter dem Namen "Schultheiß-Stübl" fort. Letztere Bezeichnung finden wir daraufhin auf einer Vielzahl von Fotos und Ansichtskarten. Aufgrund dieser "Beweislast" kann die Aufnahme auf 1934 gedeckelt werden. Nach unten ist nur Luft bis Mitte 1932 (Lichtmast!).